In der Küche hatte Mrs. Brissett den Frühstückstisch gedeckt, und der Kessel summte fröhlich. Toast, ordentlich in Dreiecke geschnitten, steckte schon im Toastständer, die Butter war in einer gläsernen Butterdose, und das Ei klopfte beim Kochen gegen die Seitenwände des Topfes.

»Sie haben gesagt, richtig hart«, erklärte Mrs. Brissett, nahm das Ei mit dem Löffel heraus, tat es in den Eierbecher und krönte es mit einem gestrickten Wollhütchen, dem sehr ähnlich, das sie selbst trug, aber en miniature.

»Hart wie Beton ist es geworden.«

»Ich mag sie wirklich gern so. Danke.« 

»Ich war eben drüben«, sagte Mrs. Brissett und ließ Wasser in den Eiertopf laufen,

»bei Miss Needham, und hab ein bißchen saubergemacht, bevor ihre Cousine kommt.« Meredith blickte rasch auf.

 »Saubergemacht?« Das Herz wurde ihr schwer.

»Sie – eh – haben doch nichts weggeworfen – aus dem Papierkorb und so?«

»Nein, Mr. Simpson hat gesagt, ich muß alles so lassen, wie’s ist. Hab nur ein bißchen abgestaubt, damit es ordentlich aussieht. Ich war ja am Donnerstag da und hab gründlich geputzt, an dem Tag, an dem die arme Miss Needham … Es war alles noch so, wie sie’s zurückgelassen hat, als sie zur Jagd ausgeritten ist. Hab abgespült, die Küche saubergemacht, das Bett gemacht, so was eben.«

»War viel Geschirr zum Abspülen da?« fragte Meredith, unverfänglich, wie sie hoffte.

»Wie üblich«, antwortete Mrs. Brissett schroff. Meredith nahm den versteckten Tadel hin und verzehrte ihr Ei. Mrs. Brissett klapperte mit entschlossener Energie in der Küche herum. Offensichtlich beschäftigte sie etwas. Nach einer Weile wagte Meredith zu fragen:

»Sind Sie irgendwie beunruhigt, Mrs. Brissett?« Mrs. Brissett fuhr herum.

 »Ja, da ist was. Und es ist schlimm, ich muß mit jemandem drüber reden. Natürlich hab ich mit Fred gesprochen, meinem Mann, aber er sagt nur, ich mach zuviel Wind um nichts und wieder nichts. Doch das stimmt nicht, das weiß ich. Und ich habe Miss Needham gekannt.«

»Warum setzen Sie sich nicht und trinken eine Tasse Tee mit mir?« forderte Meredith sie auf.

»Es ist noch genug in der Kanne.« Die Putzfrau holte sich eine Tasse und setzte sich zu Meredith an den Tisch. Die muskulösen Arme auf den Tisch aufstützend, beugte sie sich vor und sagte vertraulich:

»Es hat mit dem zu tun, um was Mr. Simpson mich gebeten hat.«

»Der Anwalt? War es – hätte er etwas dagegen, daß Sie es mir erzählen?«

»Glaub ich nicht. Werden sowieso bald die Spatzen von den Dächern pfeifen, nach der Leichenschau. Schlimm!« setzte Mrs. Brissett grimmig hinzu.

»Die Leichenschau?«

»Nein – was man redet. Mr. Simpson, er hat mich gefragt, ob Miss Needham diese Tranquilizer oft genommen hat. Natürlich hab ich gesagt, nein, nie. Sie hatte mal eine Freundin, die gestorben ist, das hatte was mit einer falschen Medizin zu tun oder daß sie zuviel genommen hat – erinnere mich nicht mehr so genau. Jedenfalls sie selber hatte nicht mal ein Aspirin im Haus, und das hab ich Mr. Simpson auch gesagt. 

Und da sagt er, bei der Obduktion – scheußlich, die arme Miss Needham so von oben bis unten aufzuschneiden – hat der Doktor, der es getan hat, festgestellt, daß sie Tranquilizer in ihrem Blut gehabt hat und auch Alkohol. Das ist kein Geheimnis, ich erzähle also keine Märchen. Aber diese Pillen – nie hat sie die genommen! Ich hab gesagt, das ist ein Irrtum – da hat er sich geirrt, dieser Doktor. Und Mr. Simpson hat gesagt: ›Ich versichere Ihnen, Mrs. Brissett, der Doktor ist sich da ganz sicher‹. Aber auch Doktoren können sich irren, nicht wahr?« Mrs. Brissett sah Meredith über den Toastständer hinweg herausfordernd an.

»Nun, das ist natürlich möglich – aber ich glaube nicht, daß der Arzt, der die Obduktion gemacht hat, sich in dieser Beziehung irrt. Sind Sie ganz sicher, Mrs. Brissett?«

»Klar bin ich sicher«, erklärte die Putzfrau nachdrücklich.

»Seit drei Jahren hab ich bei Miss Needham saubergemacht, und sie hat in dieser ganzen Zeit nie irgendwelche Pillen genommen. Ein Glas Brandy, das hat sie gewöhnlich getrunken. Kuriert alles, meinte sie. Aber sie war eine Lady – hat auch getrunken wie ’ne Lady, man hat ihr nie angemerkt, wenn sie einen gezwitschert hatte.«

»Ich verstehe«, sagte Meredith langsam.

»Ich habe Miss Needham nicht gut gekannt, doch was Sie mir erzählen, kommt mir sehr logisch vor. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich es Inspektor Markby gegenüber erwähne? Zufällig bin ich mit ihm befreundet – und ich denke, er hat Harriet auch gekannt.« 

»Oh, Mr. Markby«, sagte Mrs. Brissett.

»Das ist ein Gentleman. Vor Jahren haben die Markbys hier in der Nähe gewohnt. Waren Landbesitzer. Aber jetzt ist alles dahin. Da unten, wo die Bungalows für die alten Leute sind – das ist das Land, das früher den Markbys gehört hat – und ein großes Haus dazu. Wurde nach dem Krieg abgerissen, und dann hat man die Bungalows gebaut. Natürlich haben die Markbys lange vor dem letzten Krieg da gewohnt. Ist sechzig Jahre her oder so, als meine Mutter noch ein Mädchen war. Ja, natürlich dürfen Sie es Mr. Markby sagen.«

»Sie sind in Westerfield geboren, Mrs. Brissett?«

»O ja, meine Liebe. Und Fred auch.«

»Und Miss Needham – wann ist sie hergekommen?«

»Das ist, lassen Sie mich überlegen, also das ist vier oder fünf Jahre her«, sagte Mrs. Brissett.

»Zuerst hat Cissy Lumsden bei ihr saubergemacht, bis sie wegen ihrer Arthritis aufhören mußte zu arbeiten, und dann habe ich den Job übernommen. Miss Needham kommt irgendwoher aus dem Norden. Sie war eine so reizende Lady.« Mrs. Brissett schniefte laut.

»Zu denken, daß sie auf diese Weise umgebracht worden ist.«

»Ich weiß nicht, ob ›umgebracht‹ der richtige Ausdruck dafür ist – «, begann Meredith, wurde jedoch sofort unterbrochen.

»Also ich weiß es. Er hat sie getötet, dieser schlechte junge Mensch! Mit einem Plakat vor ihrem Pferd herumzufuchteln! Jeder weiß doch, daß man das vor Pferden nicht darf. Dann müssen sie ja scheu werden.«

»Miss Needham war eine sehr gute Reiterin. Unter normalen Umständen …«

»Ich weiß, wann eine Gemeinheit passiert und wann nicht«, sagte Mrs. Brissett vernichtend.

»Und eine Gemeinheit war’s, die man Miss Needham angetan hat. Die Wahrheit will ans Licht.«

Als Mrs. Brissett gegangen war, rief Meredith Markby an und teilte ihm die wesentlichen Punkte ihres Gesprächs mit Mrs. Brissett mit.

»Ich hab mir gedacht, daß Sie das vielleicht interessieren würde.«

»Ja, danke.« Nach einer Pause fuhr er fort:

»Ich weiß nicht, wohin uns das bringt, aber ich sollte wohl mit Mrs. Brissett sprechen. Vielleicht muß sie bei der gerichtlichen Untersuchung aussagen. Was ich sehr gern hätte, wäre ein Fläschchen oder eine Schachtel, in der die Tranquilizer waren. Schon irgendein Lebenszeichen von Miss Needham-Burrell?«

»Nein, noch nicht. Ich schau schon dauernd aus dem Fenster. Man muß mich für eine schrecklich neugierige Person halten.«

»Schauen Sie weiter. Rufen Sie mich an, wenn Sie mit ihr Verbindung aufgenommen haben. Ich möchte mit ihr reden. Sagen Sie ihr, daß sie nichts wegwerfen soll.«

Meredith legte auf und strich sich über die Haare. Im selben Moment hörte sie, daß gegenüber ein Auto anhielt. Sie stürzte ans Fenster und schaute hinaus. Vor dem Ivy Cottage parkte jetzt ein Range Rover. Sie kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine Frau auf die Straße sprang, eine junge Frau, deren Bewegungen und Figur Harriets Bewegungen und Figur geradezu erschreckend ähnelten. Sie ging den Gartenweg entlang zur Haustür, blieb stehen, fummelte ein bißchen herum und öffnete dann die Tür. Sie hatte die Schlüssel. Frances Needham-Burrell, ohne Zweifel.

Meredith setzte sich und überlegte, wie lange sie anstandshalber warten mußte, bevor sie hinübergehen konnte, um sich bekannt zu machen. Zu lange, und Miss Needham-Burrell hatte inzwischen vielleicht angefangen, Dinge wegzuwerfen, die wichtige Beweise sein konnten. Beweise wofür? Meredith rutschte unbehaglich im Sessel herum.

»Die Wahrheit will ans Licht«, hatte Mrs. Brissett gesagt. Die Wahrheit worüber? Angenommen, ihre ganze Suche und Schnüffelei führte am Ende nur dazu, daß sie herausbekamen, wer Harriets Liebhaber gewesen war, und zu anderen Enthüllungen über ihr persönliches und privates Leben? Vielleicht war er verheiratet? Daß er so verstohlen kam und ging, ließ mit ziemlicher Sicherheit darauf schließen. Meredith schlüpfte in den Anorak und überquerte zögernd die Straße, um an die Tür von Ivy Cottage zu klopfen.

»Ja?« Aus der Nähe gesehen, war sie Harriet ähnlich und auch wieder nicht. Sie war ungefähr gleich groß, hatte die gleiche Figur und benahm sich genauso selbstsicher und ungezwungen. Sogar die Gesichter waren einander ähnlich. Aber das lange lokkige Haar hatte die Farbe reifer Ähren, und sie hatte bestürzend schöne Augen, seegrün und von dunkelblonden Wimpern umrahmt. Es gelang Meredith gerade noch, sie nicht anzustarren.

»Tut mir leid, Sie zu stören«, stammelte Meredith.

»Ich wohne gegenüber und habe mir gedacht, Sie müßten Harriets Cousine sein. Und ich wollte Ihnen sagen, wie leid es mir tut, und Ihnen meine Hilfe anbieten – wenn ich helfen kann.«

»Danke.« Fran trat zur Seite und hielt die Tür offen.

»Kommen Sie rein. Ich bin Harriets nächste Angehörige – wie Sie vielleicht wissen. Habe die wenig beneidenswerte Aufgabe, ihre Sachen auszuräumen.«

Meredith betrat hinter ihr das Wohnzimmer und versuchte, nicht an ihren letzten Besuch zu denken und sich Harriet vorzustellen, die vor der Hausbar stand und Sherry einschenkte.

»Ich sollte Ihnen sagen, daß Chefinspektor Markby von der Polizei in Bamford – er ist eine Art Freund von mir und hat auch Harriet gekannt, und wir waren beide dabei, als … als es passierte – mich gebeten hat, Ihnen auszurichten, daß er bei Gelegenheit mit Ihnen sprechen möchte.«

»Oh? Was will er denn?« Die seegrünen Augen wurden kühl und betrachteten Meredith abschätzend.

»Nun, unter anderem möchte er, denke ich, die Flasche oder die Schachtel haben, in der die Tranquilizer waren …« Meredith brach verlegen ab und hoffte, daß Fran sie nicht für impertinent hielt, weil sie schon vor der gerichtlichen Untersuchung über das Ergebnis der Obduktion so gut informiert war.

»Er bittet – ersucht Sie, nichts wegzuwerfen. Er meint Papiere und so weiter.«

Fran runzelte die Stirn. Sie hob die Hand und schob eine dichte blonde Haarsträhne zurück.

»Das ist wirklich seltsam, wissen Sie? Ich hätte schwören können, daß Harriet nie Pillen genommen hätte – egal, welche. Es paßt ganz einfach nicht zu ihr.«

»Das sagt auch Mrs. Brissett – die Putzfrau. Sie hat bei Harriet saubergemacht und arbeitet auch für mich.«

Fran musterte sie wieder und schien einen Entschluß zu fassen.

»Kommen Sie in die Küche. Ich mach uns eine Tasse Tee. Dann will ich Harriets Kleider zusammensuchen und zu Oxfam bringen – das ist ein karitativer Verein. Sie könnten mir ja dabei helfen. Er wird doch nichts dagegen haben, Ihr Kumpel von der Polizei?«

»Nein, ich denke nicht, daß er gemeint hat, Sie sollten ihre Kleider aufheben. Und natürlich helfe ich Ihnen.«

Meredith folgte Fran in die Küche und mußte sich wieder anstrengen, die Erinnerung an Harriet zu verdrängen, als sie Fran zusah, die den Tee aufbrühte. Harriets lebendige Gegenwart im Cottage war noch so real, daß das tragische Ereignis vom zweiten Weihnachtsfeiertag völlig unmöglich zu sein schien.

»Es kommt einem so unrecht vor, nicht wahr?« sagte Fran wie ein Echo auf Merediths Gedanken.

»Als schnüffelten wir in Harriets Sachen und benutzten ganz einfach ihre Küche.«

»Ja, genau.«

»Ich glaube nicht, daß mir die Haare zu Berge stehen würden, wenn sie jetzt durch die Tür käme.« Die Blonde nickte.

»Es ist einfach unrecht, daß Harriet tot ist. Ich kann es noch nicht akzeptieren, daß sie wirklich und wahrhaftig für immer dahin ist. Dauernd habe ich das Gefühl, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Als Theo Simpson mich anrief, konnte ich es einfach nicht glauben. Ich war in Klosters. Als ich ins Hotel zurückkam, sagte man mir, jemand habe aus England für mich angerufen. Ich habe den armen Theo gezwungen, das Ganze ein paarmal zu wiederholen. Er war außer sich. Aber das war das Letzte, was ich erwartet hätte. Harriet war einfach unverschämt gesund, wenn Sie verstehen, was ich meine. Deshalb kann ich einfach nicht glauben, daß sie diese Pillen genommen haben soll. Sie war ein Freiluftmensch. Immer unten in den Stallungen – obwohl die möglicherweise doppelte Anziehungskraft für sie hatten – wie ich vermute«, fügte Fran trocken hinzu. 

»Na ja – «, sagte Meredith voller Unbehagen.

»Schauen Sie nicht so betroffen drein. Ich plaudere kein Geheimnis aus. Harriet hat mit ihm nie hinter dem Berg gehalten – Sie haben den Lover-Boy doch kennengelernt, oder?«

»Ja, gestern, aber nur sehr flüchtig.«

»An Ihrer Stelle würde ich es dabei belassen. Ich habe Harriet gewarnt, sie soll vor dem auf der Hut sein. Nicht, daß ich es ihr übelnehme. Sehr sexy, unser Thomas. Aber er gehört zu den Männern, die ihre Frauen am liebsten zehn Schritte hinter sich gehen und sie das ganze Gepäck tragen lassen. Dieser Typ kann richtig grob werden, wenn es nicht nach seinem Kopf geht. Wie er wohl mit der Sache fertig wird?«

»Über seinen Charakter war Harriet sich wohl im klaren, denke ich«, sagte Meredith offen.

»Ich hatte den Eindruck, daß sie sehr genau wußte, wie sie ihn zu behandeln hatte.«

»Wahrscheinlich.« Fran schwieg und stand, in jeder Hand einen Becher, einen Moment reglos da, tief in Gedanken versunken. Dann warf sie die blonde Mähne zurück, stellte die Becher auf den Tisch und sagte:

»Nun, das ist jetzt wohl nicht mehr wichtig. Verschüttete Milch. Übrigens – trinken Sie Ihren Tee mit Milch?«

»Ja, danke.« Meredith nahm ihren Becher entgegen.

»Sie waren dabei, als es passierte?« Fran setzte sich an die Küchentheke.

»Erzählen Sie. Ich hätte gern einen Bericht aus erster Hand. Vielleicht kann ich’s dann endlich glauben.« Meredith holte tief Atem.

»Das Pferd scheute, als dieser Typ mit dem Plakat vor ihm herumfuchtelte, und sie fiel herunter. Es war ein Schock, sie fallen zu sehen. Alle waren wie betäubt. Ich muß aber sagen, daß sie schon vorher sehr unsicher schien, zusammengesunken im Sattel hockte und irgendwie nicht sie selbst war. Doch was dieser junge Mann getan hat, war unentschuldbar.«

»Sie hat gern getrunken, das wissen wir alle«, sagte Fran schonungslos.

»Und das ist es, was ich wirklich nicht begreife. Ich meine, wenn mir jemand erzählt hätte, sie sei stockbetrunken vom Pferd gefallen, hätte ich gesagt, arme alte Harriet, hat die Kontrolle über die harten Sachen verloren, hätte das jedoch akzeptiert. Aber Alkohol und Pillen? Nicht in hundert Jahren!«

»Da ist noch was anderes«, sagte Meredith zögernd.

»Ich denke, Alan – Chefinspektor Markby – wüßte gern, ob Harriet anonyme Briefe bekommen hat. Bei ein paar anderen Mitgliedern der Jagdgesellschaft war das der Fall. Deshalb hofft er auch, daß Sie nichts wegwerfen.«

»Anonyme Briefe?« Fran starrte sie über den dampfenden Teebecher hinweg an.

»Wenn sie welche bekommen hätte, hätte sie sie sofort weggeworfen. Ich bezweifle, daß sie beunruhigt gewesen wäre, es sei denn, sie wären von einer empörten Ehefrau gekommen, die Harriet beschuldigte, es mit ihrem ehebrecherischen Ehemann zu treiben. Mit allem, was die Jagd betrifft, wäre sie gut fertiggeworden.«

»Nun, die Polizei interessiert sich dafür. Ich gebe nur die Botschaft weiter.«

»Klar.« Fran stellte ihren Becher ab.

»Sehen wir uns einmal im Bad um. Wie ich schon sagte, bin ich auch neugierig.« Sie gingen hinauf. In dem winzigen Badezimmer öffnete Fran die Hausapotheke, und zum Vorschein kam eine ansehnliche Sammlung von Shampoos, Gesichtswassern, Augenbrauenpinzetten, verschiedene Make-up-Utensilien und eine Zahncreme. Außerdem eine Packung mit Einmal-Rasierapparaten aus Plastik für Männer. Aufmerksam von Harriet, fand Meredith im stillen. Das einzig

»Medizinische« waren ein Päckchen selbstklebender Heftpflaster und ein Fläschchen Jod.

»Das Schlafzimmer«, schlug Meredith vor. Sie durchsuchten den Nachttisch und die Schubfächer und entdeckten – was Meredith höchst peinlich war, Fran jedoch ungerührt ließ – mehrere Päckchen mit Kondomen, zwei Romane in Taschenbuchform, Handcreme und eine Tube mit einer Salbe gegen Wundsein und Verstauchungen.

»Sie ist phantastisch mit der Meute geritten«, sagte Fran und winkte mit der Salbentube.

»Hatte eine Menge blauer Flecken. Und das wäre alles an Medikamenten. Tranquilizer werden wir nicht finden, wissen Sie? Auch Ihr Freund von der Polizei nicht. Harriet hat keine genommen. Mir egal, was die Medizinmänner sagen.«

»Also wie …?« Meredith runzelte die Stirn.

»Keine Ahnung. Ich frage mich, ob wir es jemals erfahren werden. Wollen Sie mir mit Harriets Kleidern helfen? Sagen Sie’s ruhig, wenn nicht. Es ist ein bißchen makaber. Sie hat mir übrigens dieses Cottage samt Inventar hinterlassen. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Ich glaub nicht, daß ich meine Wochenenden in Pook’s Common verbringen möchte. Es mangelt hier an – Lustbarkeiten, könnte man sagen. Es sei denn, man genießt es, sich weiter unten an der Straße ein bißchen im Heu zu wälzen.« Während sie sprach, öffnete Fran einen der beiden Schränke.

»Als meine Eltern gestorben waren, hab ich all das auch tun müssen«, sagte Meredith.

»Ich weiß, wie man sich fühlt. Es kommt einem wie eine Unverschämtheit vor. Ich hatte ein so schlechtes Gewissen, als ich die Schränke ausräumte und Sachen wegwarf, die sie behalten hätten – auch wenn es Plunder war. Ich hatte nicht das Recht … Dann hat jemand zu mir gesagt: ›Ein Leben ist mehr als ein paar Dinge … ‹ Danach sah ich es aus einem anderen Blickwinkel. Es schien mir kein solcher Vertrauensbruch mehr.«

»Harriet hat sich auch nie viel aus Dingen gemacht«, klang es gedämpft hinter der Schranktür hervor.

»Sie liebte alle Tiere und ein paar Menschen. Ich gebe zu, sie hat dieses Cottage gut in Schuß gehalten, und sie war eine ausgezeichnete Köchin und eine phantastische Gastgeberin. Aber mit Shopping hatte sie nichts am Hut. Obwohl« – Fran tauchte mit zerzaustem Haar und atemlos aus dem Schrank auf –

»für jemand, der sich aus materiellem Besitz nichts machte, hatte sie genug Kleider. Jemand muß sie in anständige Restaurants ausgeführt haben. Ich meine, sie hätte sich nicht so herauszuputzen brauchen« – Fran zog einen extravaganten Abendrock aus Brokat heraus –,

»wenn sie nichts anderes vorhatte, als mit Tom Fearon Ställe auszumisten.« Und Harriet hat auch aus ihrer Beziehung mit Tom keinen Hehl gemacht, dachte Meredith. Tom ist nicht heimlich gekommen und gegangen, hat nicht seinen Wagen an einer dunklen Stelle geparkt und hat das Tageslicht nicht gescheut. Wer also hat es getan? Sie verbrachten die nächste Stunde damit, Harriets Schränke auszuräumen und die Sachen zu sortieren. Wie Fran schon festgestellt hatte, waren ein paar wunderschöne Abendkleider darunter, aber auch teure Freizeitkleidung, die für Wochenenden in einer luxuriöseren Umgebung als Pook’s Common bestimmt waren.

»Glückliches altes Oxfam«, sagte Meredith, die ehrfürchtig ein smaragdgrünes Taftkleid mit Reifrock und einem sehr bekannten Firmenetikett an einen Haken hinter der Tür hängte. Sie zupfte die Plastikhülle zurecht, die das Kleid schützte.

»Nehmen Sie es sich, wenn es Ihnen gefällt«, sagte Fran gleichgültig.

»Es würde Ihnen passen.«

»Das möchte ich nicht.« Meredith zögerte.

»Nehmen Sie’s doch. Harriet hätte nichts dagegen gehabt. Sie hat immerzu Kleider verschenkt. Sie und ich haben regelmäßig getauscht. Naja, man kann die Sachen ja nicht öfter als ein-, zweimal tragen, nicht wahr? Alle erinnern sich daran. Also haben wir seit Jahren jeweils die Kleider der anderen angezogen. Ich glaube, das grüne hatte ich mir auch einmal ausgeliehen. Es würde Ihnen passen. Es ist eins weniger, das ich im Fond meines Range Rovers verstauen muß.« Die Vorstellung, daß dieses schöne Kleid in den Fond des Range Rovers gestopft werden sollte, gab den Ausschlag.

»Danke«, sagte Meredith; und gleich darauf verlegen:

»Ich wollte Sie wegen der Beerdigung fragen. Kommt nur die Familie?«

»Damit habe ich ein kleines Problem.« Fran bündelte teure Seiden- und Spitzenwäsche und packte sie in einen Plastikbeutel von Harrods.

»Ich hätte Harriet gern in Westerfield beerdigt. Sie hat gern hier gelebt, und das ist der nächste Friedhof. Doch wie es scheint, hat man schon vor einer Ewigkeit beschlossen, ihn stillzulegen, und hat ihn eingeebnet und begrünt. Man hat mir geraten, sie nach Oxford überführen zu lassen. Ich sehe wirklich nicht ein, warum ich sie nicht hier beerdigen kann, wo sie gern gewesen wäre. Es wäre das wenigste, das ich für sie tun könnte. Ich hatte Harriet gern, als Kinder haben wir uns sehr nahegestanden.«

»Was ist mit ihrem ursprünglichen Zuhause – ich meine da, wo sie herkam?«

»Hat keinen Sinn, die Familie lebt nicht mehr dort.« Fran machte eine Pause.

»Harriet wäre gern hier begraben, und ich werde so lange Krach schlagen, bis man mir die Genehmigung gibt. Was hat ein Friedhof für einen Sinn, wenn man niemanden dort begraben darf? Ich werde mich an die Diözese wenden, an die Bezirksverwaltung, an Lambeth Palace, wenn ich muß. Passen Sie auf!« Sie nickte energisch, und Meredith glaubte auf Anhieb, daß die gesamte Synode Englands vor Angst zittern würde, wenn Miß Needham-Burrell erst einmal richtig loslegte. Gemeinsam zerrten sie die Plastiksäcke mit Harriets Kleidern die schmale Treppe hinunter und ins Freie, um alles in den Range Rover zu packen. Als sie ins Haus zurückgingen, sagte Fran:

»Ich gebe Ihnen wegen der Beerdigung Bescheid – schreiben Sie mir Ihre Telefonnummer auf.«

»In Ordnung – oh, ich habe nicht einmal ein Fetzchen Papier dabei.«

»Versuchen Sie’s im Schreibtisch.« Fran lief wieder in den ersten Stock hinauf, und Meredith, die sich ihre Aufregung über die unerwartet hilfreiche Wendung nicht anmerken lassen durfte, öffnete Harriets viktorianisches Rollpult. Harriet war, was ihre Papiere anbelangte, nicht sehr ordentlich gewesen, aber auch das konnte sich als Segen erweisen. Die geräumigen Fächer waren mit Korrespondenz vollgestopft. Meredith zog einen Schreibblock heraus und klappte ihn auf. Ein loses, nur zum Teil beschriebenes Blatt fiel heraus. Neugierig faltete sie es auseinander. … Du Gipsheilige wirst wieder mal was zu denken kriegen, Du bist eine dreckige, heuchlerische Lügnerin, und … Mehr stand nicht da. Offensichtlich waren die Zeilen Teil eines Entwurfs. Harriet hatte ihn neu formuliert – entweder, um zu milderen oder zu noch schärferen Worten zu greifen … Meredith nahm zumindest an, daß es sich um Harriets Handschrift handelte. Als sie hastig ein paar andere Papiere durchsah, wurde ihre Vermutung bestätigt. Doch ähnliche Entwürfe förderte sie nicht zutage. Nachdenklich saß sie mit dem Papier in der Hand da. Das war vielleicht ein Ding! Als Alan von anonymen Briefen gesprochen hatte, hatte er Briefe an und nicht von Harriet gemeint. Schuldbewußt blickte Meredith über die Schulter zurück. Das Blatt Fran auszuhändigen war vielleicht keine so gute Idee. Alan würde es bestimmt gern sehen wollen, auch wenn er es später von allen Ermittlungen ausschloß. Aber Fran hätte vielleicht etwas dagegen, wenn Privatbriefe dieser Art weitergegeben wurden. Frans Schritte wurden auf der hölzernen Treppe laut. Meredith mußte eine schnelle Entscheidung treffen. Sie faltete das Blatt und steckte es in die Tasche ihres Anoraks. Hastig kritzelte sie ihre Telefonnummer auf das nächste leere Blatt und gab es Fran, als sie hereinkam.

»Das reicht für heute, denk ich«, sagte Fran seufzend.

»Ich muß ohnehin nach Bamford und den alten Simpson besuchen.«

»Wo wohnen Sie?«

»Nicht hier – ich habe mir im Hotel The Crossed Keys in Bamford ein Zimmer genommen.« Fran verstaute Merediths Telefonnummer in ihrer Umhängetasche.

»Ich rufe Sie an, bevor ich wieder herkomme.«

»Also, was denken Sie?« fragte Meredith ungeduldig.

»Ich denke, daß wir Schwierigkeiten bekommen, wenn Theo Simpson erfährt, daß Sie dieses Papier aus Harriets Schreibtisch mitgehen ließen. Aber lassen wir das einfach auf uns zukommen. Für wen war das wohl bestimmt, was glauben Sie? Sie sind eine Frau. Wem würden Sie so etwas schreiben?«

»Weiß ich nicht. Ich glaube nicht, daß ich jemals so etwas geschrieben habe. Ich kann es mir nicht vorstellen – es sei denn, jemand hätte mich enttäuscht, im Stich gelassen?«

»Ein Mann? Der sie hintergangen – ihr etwas versprochen hat – die Ehe? Und sich dann gedrückt hat?«

»Versprechen Männer den Mädchen heute noch die Ehe? Ich meine, so wie früher einmal?«

»Nun, seit ein gebrochenes Eheversprechen kein Gesetzesverstoß mehr ist, haben wir es nicht mehr annähernd so oft mit schluchzenden jungen Mädchen zu tun, die der Meinung sind, sie seien verraten worden und ihre Zukunftsaussichten gleich Null. Wo wohnt Miss Needham-Burrell?«

»Im Hotel The Crossed Keys in Bamford.«

»Ich werde sie aufsuchen, sobald ich zurück bin.«

»Sie meinen, Sir«, sagte Pearce,

»daß Miss Needham keine Drohbriefe bekommen, sondern welche geschrieben hat?«

»Sie hat wenigstens einen geschrieben, und sehen

Sie sich doch noch einmal den Brief an, den Fearon bekommen hat. Er ist ziemlich scharf. Aber er bleibt auch sehr vage im Hinblick auf das, was Fearon angeblich getan hat. Er ist ein Schwein, ein dekadenter Parasit, er wird eines Tages seine wohlverdiente Strafe bekommen … Unzählige unflätige Wörter … Aber was hat er getan? Die Jagd wird mit keinem Wort erwähnt. Fearon hat angenommen, daß es um die Jagd ging. Wir haben das für bare Münze genommen.« Markby nahm Fearons Brief zur Hand.

»Mir ist natürlich klar, daß die Wörter aus einer Zeitung herausgeschnitten wurden und daß das Stück, das Miss Mitchell gefunden hat, mit der Hand geschrieben wurde – aber der Grund, warum Harriet diesen handschriftlichen Text verworfen hat, mag der sein, daß sie sich plötzlich entschlossen hatte, anonym zu schreiben und Zeitungsschnipsel zu verwenden. Fearon hat einen Ruf als Frauenheld. Wir wissen, Harriet hatte am Abend des Weihnachtstages einen leidenschaftlichen Gast. Fearon hat mir erzählt, er komme zu einem Rendezvous mit einer Freundin zu spät, weil er den ganzen Vormittag hinter den ausgebrochenen Pferden hergewesen war. Vielleicht hat Tom sie betrogen, und sie hat es erfahren.«

»Wenn sie erfahren hätte, daß er sie betrog«, sagte Pearce bedächtig,

»wäre sie meiner Meinung nach zu den Stallungen gegangen und hätte ihn in den Pferdetrog gestoßen. Nach allem, was ich gehört habe, hätte das mehr ihrem Stil entsprochen. Sie hat bestimmt keine anonymen Briefe geschrieben, würde ich sagen.«

»Und ich ebenso. Aber man kann nie wissen. Doch wir vergessen den Brief, den der Master bekommen hat. Ich wünschte, er hätte ihn aufgehoben. Harriet hätte ihm nie so geschrieben. Streichen wir die Theorie, daß sie die Briefe geschrieben hat. Sie war es nicht. Der von Tom stammt wahrscheinlich von einem Jagdgegner, und der hier ist eine einmalige Sache, und es geht darin um etwas anderes.« Finster betrachtete Markby den Zettel, den Meredith ihm gegeben hatte.

»Übrigens, haben Sie etwas von den anderen Jagdmitgliedern erfahren? Hat irgendeiner Drohbriefe bekommen?«

»Zugegeben hat es keiner, Sir. Ein oder zwei haben ein bißchen herumgedruckst. Waren nicht ehrlich. Aber alle anderen haben Stein und Bein geschworen, sie hätten keinen derartigen Brief bekommen.«

»Verdammt! Doch eins nach dem anderen. Ich würde sehr gern erfahren, wer Harriets Dinnergast war – und ob er am nächsten Morgen noch da war. Vielleicht führt er uns zu den Tranquilizern, deren Vorhandensein jeder abstreitet, der Harriet gut gekannt hat. Miss Mitchell hörte einen Wagen davonfahren. Doch was, wenn der Fahrer später zurückgekommen oder zum Frühstück wieder erschienen wäre?«

Markby legte beide Briefe in den Ordner auf seinem Schreibtisch.

»Ich springe inzwischen ins Hotel hinüber, um zu sehen, ob Miss Needhams Cousine da ist.« Von der Polizeistation zum Hotel The Crossed Keys ging man höchstens fünf Minuten. Am Empfang fragte er nach Miss Needham-Burrell.

»Zimmer 20«, sagte die Angestellte.

»Soll ich Sie telefonisch anmelden?« Sie legte ihre scharlachrot lackierten Krallen auf das Telefon und sah ihn neugierig an.

»Das wäre sehr freundlich. Melden Sie Inspektor Markby, sie weiß, wer ich bin.« Das Mädchen ging zum Hausapparat, sprach kurz, legte auf und sagte:

»Sie sollen raufkommen. Wir haben keinen Lift, Sie müssen die Treppe nehmen – sie endet auf der rechten Seite des Korridors. Zweiter Stock.« Ein Blitzen scharlachroter Fingernägel, um die Richtung anzudeuten. Markby gelangte über die ehemalige Personaltreppe in den zweiten Stock. The Crossed Keys war ein altes Gebäude. Die Fußböden sackten leicht schräg durch, und die Korridore glichen labyrinthähnlichen Kaninchengängen, die Zimmer waren klein und hatten niedrige Türrahmen. Das Haus beherbergte hauptsächlich Handelsvertreter unterschiedlichster Art und andere Leute, die ihre Fahrt spontan hier unterbrochen hatten. Obwohl es recht sauber war, wirkte es vernachlässigt. Aber die Gäste, die nur eine oder zwei Nächte blieben, erwarteten oder verlangten keinen Luxus, nur ein Bad und ein Bett – was man eben so brauchte. Vor Nummer 20 stand ein wackliges Tischchen und darauf ein Topf mit einem Usambaraveilchen. Markby blieb stehen und betrachtete verstohlen die Blüten, eine Farbe, die ihm noch fehlte; und er fragte sich, ob jemand etwas dagegen haben würde, wenn er ein Blatt abtrennte und versuchte, Ableger zu ziehen. Aber zuerst Miss Needham-Burrell. Er mußte das streng nach Vorschrift machen. Viele höfliche Fragen und Beileidsbekundungen, um ihr die Erlaubnis zu entlocken, Harriets Papiere durchsehen zu dürfen. Vielleicht sollte er sie zu einer Tasse Tee in die Hotellounge einladen. Er klopfte. Rasche, leichte Schritte, die Tür ging auf, und zu seiner größten Verblüffung sah er vor sich, in einen Frotteebademantel gehüllt und mit Pantoffeln an den Füßen, eine hinreißende Blondine.

»Hallo«, sagte sie, und ihre seegrünen Augen wurden groß.

»Sind Sie etwa Mr. Plattfuß?«

»Ich bin – Chefinspektor Markby«, hörte er seine Stimme, die merkwürdig belegt klang.

»Polizisten sehen wirklich immer besser aus. Sie sind Merediths Freund, nicht wahr? Und Sie heißen Alan.«

»So ist es«, bestätigte er einfältig und bemühte sich angestrengt, seine Verwirrung abzuschütteln und diese sündhaft schöne Blondine nicht anzustarren wie ein hypnotisiertes Kaninchen die Schlange.

»Wunderbar. Ich bin Fran. Warum kommen Sie nicht rein, Alan. Wir können – reden. Ich habe eine Flasche Whisky.« Er folgte ihr ins Zimmer und setzte sich in den Lehnstuhl, den sie ihm anbot. Flink wählte sie aus mehreren Flaschen eine aus, stellte Gläser auf ein Tablett und schenkte ein.

»Meinen mit Wasser, bitte«, sagte er hastig.

»Sagen Sie, wenn’s genug ist – okay?« Sie reichte ihm ein Glas.

»Was wollen Sie mich fragen?« Sie setzte sich, schlug die Beine übereinander. Der Frotteemantel fiel ein bißchen auseinander, aber nicht zu weit.

»Ich wollte mir eben ein Bad einlassen«, erklärte sie, und die Winkel ihres vollen Mundes verzogen sich leicht nach oben. Vor Markbys innerem Auge tauchte kurz ein verbotenes Bild auf, und dann war sein Kopf völlig leer. Verzweifelt suchte er nach dem Grund, der ihn hergeführt hatte. Briefe, Pillen, er wollte nach beidem fragen. Wunderschönes, schlankes gebräuntes Bein. Bleib mit deinen Gedanken bei der Arbeit. Was wollte er sie fragen? Um die Wahrheit zu sagen, in diesem Augenblick rein gar nichts, was mit Polizeiarbeit zu tun hatte.

»Sie kennen natürlich das Ergebnis der Obduktion«, sagte er verbissen und blickte direkt in die leicht belustigt wirkenden seegrünen Augen. Er sah, wie die Belustigung daraus wich. Ihre Züge wurden starr, und sie nippte an ihrem Whisky.

»Ja. Meredith hat gesagt, Sie hätten nach Tranquilizern gefragt. Wir, Meredith und ich, haben das Cottage durchsucht, aber keine gefunden – auch keine leeren Packungen, und, ehrlich gesagt, ich war nicht überrascht. Harriet hat diese Art Drogen nicht genommen – überhaupt keine Tabletten. Sie hielt nichts davon. Hat nie was davon gehalten …« Fran hob ihr Glas.

»Ich zweifle nicht an dem Ergebnis der Obduktion. Aber wie Sie bin ich sehr begierig, das Wie und Warum zu erfahren.«

»Ob die Mülltonnen geleert worden sind?« sagte er mehr zu sich als zu ihr. Sie antwortete trotzdem:

»Nein, es sind ja noch Feiertage. Alles wird in einem Plastiksack gebündelt. Sie können ihn durchsuchen, wenn Sie wollen.«

»Mein Sergeant wird das übernehmen. Es geht auch um ein paar Briefe.«

»O ja, gehässige Briefe. Ich hatte keine Zeit, ihre Papiere durchzusehen, aber ich werde die Augen offenhalten.« Er ließ den Rest seines verwässerten Whiskys im Glas kreisen und sagte vorsichtig:

»Ich weiß, das scheint ein einfacher und bedauerlicher Unfall zu sein, der auf das mehr als idiotische Verhalten eines jungen Demonstranten folgte. Ich will auch nichts anderes andeuten. Habe keinen Grund dazu. Aber es gibt ein paar lose Enden, und wenn ich impertinente Fragen zu stellen scheine, dann nur, weil ich Unordnung verabscheue – nicht, weil ich schnüffle.«

»Schießen Sie los.« Sie setzte sich bequemer zurecht und legte den Bademantel, der vorher verrutscht war, wieder züchtig über das wohlgeformte Knie. Das Ergebnis war doppelt so erotisch, als wenn sie alles beim alten gelassen hätte. Er lächelte schmerzlich.

»Das ist fair.« Sie sah ihm in die Augen.

»Oh, ich bin immer fair.«

»Ja – nun, wir haben Anlaß zu glauben …« Ein leichtes Lächeln umspielte ihren Mund.

»Was ist los?«

»Entschuldigen Sie – es ist der Polizeijargon. Sprechen Sie weiter. Was haben Sie Anlaß zu glauben, Alan?«

»Daß Harriet am Abend des Weihnachtstages einen männlichen Gast hatte. Anscheinend ist er am Abend auch wieder weggefahren. Ich habe mich gefragt, ob Sie wohl wissen, wer das war. Er könnte vielleicht ein wenig Licht auf die Sache mit den Tranquilizern werfen.« Sie ließ einen Fuß kreisen und streckte die bloßen Zehen, die aus dem Pantoffel vorschauten.

»Nein, ich weiß es nicht. Ich will Ihren Ermittlungen nicht im Wege stehen, aber ich weiß es wirklich nicht. Sie hatte viele Freunde.«

»Ich verstehe. Falls Sie es zufällig herausfinden sollten, wäre ich sehr dankbar … Und ich schicke meinen Sergeant, der den Abfall und Miss Needhams Schreibtisch durchsuchen soll, wenn Sie gestatten.«

»Aber gewiß doch.«

»Ich hoffe, Sie können alles arrangieren«, sagte er, sich an ihre traurige Pflicht erinnernd.

»Ist Ihnen Mr. Simpson eine Hilfe?«

»Der liebe alte Theo?« Sie lachte rauh. Dann verzog sie das Gesicht.

»Man macht mir Schwierigkeiten wegen der Beerdigung. Ich möchte Harriet in dem kleinen Friedhof in Westerfield beerdigen, aber das darf ich nicht, wie man mir sagte. Das kommt mir so verdammt kleinlich vor. Er wurde säkularisiert oder so was Ähnliches. Eingeebnet und begrünt wie ein Park. Keine Beerdigungen mehr.«

»O ja, das ist richtig.« Er überlegte.

»Die Familiengruft der Markbys wurde nicht eingeebnet. Das ist die private Ecke meiner Familie. Sie ist durch ein Geländer vom übrigen Friedhof abgetrennt. Ich meine, auch dort ist seit Jahren niemand mehr beerdigt worden, aber die Gräber sind noch da, die Grabsteine, Monumente, das Übliche eben … Vielleicht gibt es noch einen freien Platz, und ich wüßte nicht, warum jemand etwas dagegen haben sollte, besonders wenn die Familie – das bin ich – einverstanden ist. Versuchen Sie es einmal damit.«

»Danke.« In den seegrünen Augen spiegelte sich aufrichtige Wärme. Sie folgte ihm zur Tür und blieb, die Hand auf den Türpfosten gestützt, im offenen Rahmen stehen.

»Ich will’s versuchen, wie Sie sagten, und wie könnte man dann noch etwas dagegen haben? Und wie ich Ihnen schon sagte, ich bin fair. Wenn jemand mir Gutes tut, revanchiere ich mich gern.« Wieder umspielte das Lächeln ihren Mund.

»Ich schulde Ihnen was.«

»Aber ganz und gar nicht«, sagte er hastig und floh.

KAPITEL 7

 

Der nächste Tag, ein Dienstag, war Silvester. Und versprach ein durch und durch unglückliches Silvester zu werden, dachte Meredith, trotz Alans Einladung, ein Glas mit ihm zu trinken. Ein Schatten lag wie Mehltau über dem Tag. Das neue Jahr würde die gerichtliche Untersuchung und Harriets Beerdigung mit sich bringen, und außerdem begann für sie selbst unter der Woche die regelmäßige Pilgerfahrt nach London. Das Wetter war grau und trüb und drückte aufs Gemüt. Wie auch immer – es war Dienstag, und Mrs. Brissett, die normalerweise an diesem Tag kam, erschien pflichtgetreu mit Bommelmütze und Reißverschlußstiefeln im Rose Cottage.

»Es ist wirklich sehr nett von Ihnen, daß Sie auch während der Feiertage kommen«, sagte Meredith dankbar. Sie freute sich, die Putzfrau zu sehen, nicht so sehr um der Arbeit willen, die sie tun würde, sondern eher, weil sie froh war, Gesellschaft zu haben. Allmählich wurde ihr bewußt, wie einsam es in Pook’s Common war. Die Haynes waren nicht wieder erschienen. Die Leute, denen die Autowerkstatt und das Cottage mit dem Wunschbrunnen gehörten, ließen sich auch nicht sehen. Vielleicht waren sie über Neujahr verreist. Harriet war tot und Meredith, wie sie sich fast entsetzt klarmachte, derzeit die einzige Bewohnerin von Pook’s Common. Außer sie zählte Tom Fearon dazu.

»Es macht mir keine Mühe«, sagte Mrs. Brissett energisch.

»Hat keinen Sinn, die Arbeit liegenzulassen, denn dann habe ich, wenn ich das nächste Mal komme, doppelt soviel zu tun. Das habe ich auch der armen Miss Needham gesagt. ›Machen Sie sich nicht die Mühe, am zweiten Weihnachtsfeiertag zu kommen‹, hat sie gemeint. ›Nur keine Angst‹, sag ich, ›ich komme.‹ Und ich war da – und hab sie zum letztenmal gesehen, kurz bevor sie ging …« Mrs. Brissett schniefte und stellte mit überflüssigem Kraftaufwand eine Einkaufstüte auf einen Küchenstuhl.

»Ich versuche ja, das Haus sauberzuhalten«, sagte Meredith demütig.

»Ja, meine Liebe, das weiß ich. Aber aufräumen und richtig putzen, das ist nicht dasselbe. Bei weitem nicht.« Mrs. Brissett hängte ihren Mantel auf, zog die Stiefel aus und holte aus ihrer Tüte ein Paar pinkfarbene Hausschuhe mit Nylonpelz. Abgeknickt wie ein Taschenmesser und vor Anstrengung keuchend, zog sie sie an.

»Unsere Dawn hat sie mir zu Weihnachten geschenkt.« Sie setzte sich auf und streckte ein strammes Bein in Kreppstrümpfen und pinkfarbenem Hausschuh zur Begutachtung aus.

»Hübsche Farbe, nicht wahr? Ich liebe Pink.« Sie ließ den Fuß sinken.

»Unsere Dawn hat sich schrecklich aufgeregt, als sie das von der armen Miß Needham erfuhr. So. Die Arbeit wartet nicht. So strickst du dem Baby kein neues Mützchen, wie meine alte Mum immer sagte.« Sie stand auf. Die Bommelmütze, die fest mit ihrem Kopf verbunden schien, hatte sie nicht abgenommen und band sich als nächstes eine Schürze um.

»Sie sind mit dem Frühstück fertig, oder?«

»Ja, ich wollte eben abräumen.« Und mich selbst auch wegräumen, dachte Meredith, das hat sie gemeint. Soll ihr nicht vor den Füßen rumlaufen.

»Lassen Sie nur, das mach ich schon, Miss Mitchell.«

»Mrs. Brissett«, sagte Meredith vorsichtig.

»Wegen Miss Needham. Als Sie mir versprachen, heute morgen zu kommen, hab ich das Inspektor Markby gegenüber erwähnt. Er möchte gern mit Ihnen sprechen und kommt später herüber. Hätten Sie etwas dagegen?«

»Ich klatsche nicht«, sagte Mrs. Brissett heftig.

»Und schon gar nicht über die arme Miss Needham, die steif und kalt daliegt.«

»Das ist kein Klatsch, Mrs. Brissett. Inspektor Markby versucht nur festzustellen, wie Miss Needham gestorben ist. Sie wollen doch helfen, oder?«

»Es macht mir nichts aus, mit Mr. Markby zu reden«, sagte Mrs. Brissett großmütig.

»Er ist ein Gentleman. Was man nicht von jedem Polizisten sagen kann. Mit einem anderen würde ich ganz bestimmt nicht reden. Als unsere Dawn ihre Schwierigkeiten hatte und der Kerl, mit dem sie verheiratet war, ins Haus eingebrochen ist – das war, bevor er sie ganz sitzengelassen hat –, da ist Fred zur Polizei gegangen und hat es gemeldet. ›Häuslicher Zwischenfall‹, haben sie gesagt, sind auf ihren vier Buchstaben sitzen geblieben und haben nichts getan. Damals habe ich mein Vertrauen zur Polizei verloren. Aber Mr. Markby ist anders, und er darf mich fragen, was er will. Doch ich weiß, wie Miss Needham gestorben ist. Der schlechte Kerl ist dran schuld, der ihr Pferd erschreckt hat.«

»Es geht noch immer um die Drogen, die Tranquilizer, Mrs. Brissett.«

»Sie hat nie welche genommen! Hat nie irgendwelche Pillen genommen!« platzte Mrs. Brissett heraus.

»Das hab ich Ihnen schon gesagt. Das hab ich allen gesagt. Und ich sag’s auch noch Mr. Markby, wenn es das ist, was er hören will.« Markby kam kurz vor elf vorgefahren. Meredith ging ihm entgegen und sagte leise:

»Ich bin eben dabei, Kaffee zu machen, und Mrs. Brissett ist darauf vorbereitet, mit Ihnen zu reden. Aber Sie werden sie nicht aufregen, nicht wahr? Sie hatte Harriet sehr gern. Sie wird nicht wollen …« Meredith unterbrach sich.

»Sie wird Ihnen nichts erzählen wollen, was ihrer Ansicht nach ein schlechtes Licht auf Harriet werfen könnte. Und sie hat da so ihre eigenen Vorstellungen.«

»Wird nicht über Männer sprechen wollen, meinen Sie?«

»Wahrscheinlich nicht.« Markby fand Mrs. Brissett stocksteif in der Mitte der Küche sitzend, die Bommelmütze wie eine Krone fest auf dem Kopf, die Hände im Schoß gefaltet. Sie hatte die Schürze abgenommen, jedoch die pinkfarbenen Hausschuhe nicht ausgezogen.

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, Mrs. Brissett«, sagte Markby und setzte sich an den Tisch.

»Wir freuen uns wirklich sehr, helfen zu können«, sagte Mrs. Brissett, und fügte – den Pluralis majestatis abschwächend – erklärend hinzu:

»Fred und ich. Fred hat alles mögliche für Miss Needham getan, hat Sachen repariert, Regale angebracht, Malerarbeiten erledigt … Fred hatte von Miss Needham immer eine sehr hohe Meinung. Er wird alles bestätigen, was ich sage. Unsere ganze Familie hatte Miss Needham sehr gern. Sie war so gut zu unserer Dawn, als die ihre Schwierigkeiten hatte.« Mrs. Brissett machte eine Pause, um Atem zu holen.

»Was wollen Sie wissen? Wenn es wegen dieser Pillen ist, dann kann ich Ihnen nur sagen, was ich schon Miss Mitchell erklärt hab. Die arme Miss Needham hat nie welche genommen.«

»Ich fürchte, sie hat es doch getan«, sagte Markby sanft.

»Aber wir sind auch der Meinung, daß es nicht zu ihrem Charakter paßt, und wir würden gern wissen, woher sie kamen und wie sie dazu kam, sie zu nehmen. Sie muß sie nämlich an diesem Morgen eingenommen haben. Soviel ich weiß, sind Sie nach dem Frühstück ins Cottage gekommen, um aufzuräumen, ja?«

»Das ist richtig.« Der Bommel auf ihrer Mütze bebte heftig. Gleich fällt sie runter, dachte Markby abgelenkt. Markby blieb bei seinem Thema.

»Erinnern Sie sich vielleicht, ein Medizinfläschchen oder eine Pillenpackung oder eine Tüte mit dem Aufdruck einer Apotheke gesehen oder weggeworfen zu haben?«

»Nein, nichts dergleichen, und mir wäre es aufgefallen, denn so was hat’s im Cottage nie gegeben. Sie hatte mir gesagt, ich soll am zweiten Weihnachtstag nicht kommen«, fuhr Mrs. Brissett fort.

»Aber ich sagte ihr, ich komme trotzdem, nur für eine Stunde, um ein bißchen was wegzuräumen, das Frühstücksgeschirr zu spülen, solche Dinge eben.«

»Ach ja, das Frühstücksgeschirr – «, sagte Markby vor sich hin. Mrs. Brissett warf ihm einen argwöhnischen Blick zu und nahm eine noch steifere Haltung ein.

»Viel Geschirr?«

»Nicht besonders.«

»Für wie viele Leute?« Mrs. Brissett preßte die Lippen zusammen.

»Mrs. Brissett«, sagte Markby,

»ich stecke meine Nase nicht aus Neugier in Miss Needhams Angelegenheiten. Jemand hat diese Pillen ins Haus gebracht, und wenn sie, sagen wir, in einer Schachtel waren, hat er oder sie die restlichen wieder mitgenommen. Jemand hat sie Miss Needham gegeben. Ich möchte wissen, wie. Hatte sie darum gebeten und sie freiwillig eingenommen – oder was?« Mrs. Brissett schloß und öffnete nervös die Hände.

»Ich will’s Ihnen sagen, Sir. Es hat mir Kummer gemacht. Konnte deshalb nicht schlafen. Fred wird es Ihnen bestätigen. Fragen Sie Fred, ich hab zu ihm gesagt, sie selber hatte nie solche Pillen. Ich weiß es. Ich hätte sie gesehen. Hab aber nie keine einzige nicht gesehen. Jemand muß sie ihr gegeben haben, hab ich gesagt. Und Mr. Markby« – ernst beugte Mrs. Brissett sich vor –,

»wer’s auch getan hat, er hat es heimlich getan, hat es so getan, daß sie nichts gemerkt hat, weil wenn sie gewußt hätte, was das für Zeug ist, hätte sie es nie genommen, nicht Miss Needham!« Volltreffer, jubelte Markby innerlich.

»Mrs. Brissett, erzählen Sie mir jetzt von dem Frühstücksgeschirr?«

»Es war für zwei«, sagte Mrs. Brissett.

»Ich sag Ihnen ganz ehrlich, ich weiß nicht, wer er war. Aber es war nicht das erste Mal, daß ich für zwei abgespült oder das Bett gemacht hab …« Mrs. Brissett hob die Hand vor den Mund und hüstelte diskret.

»Wenn es benutzt worden war, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Durchaus.«

»Sie hatte mehrere Freunde. Miss Needham war sehr beliebt.« Könnte ich drauf wetten, dachte Markbys Alter ego nicht sehr galant.

»Aber an diesem Morgen – obwohl von allem zwei Stück da waren, Tassen, Teller und das – das Bett … Ich glaub nicht, daß er dort geschlafen hat. Doch sicher konnte ich natürlich nicht sein. Es waren keine Haare vom Rasieren im Waschbecken und nur ein Kissenstapel im Bett.«

»Sie denken also, er ist zum Frühstück vorbeigekommen und dann wieder gegangen?«

»So ist es«, sagte Mrs. Brissett.

»Ist doch nichts dabei.« Sie unterbrach sich.

»Oder vielleicht doch, Ihrer Meinung nach?«

»Das wissen wir nicht. Hatte Miss Needham die Gewohnheit, bevor sie zur Jagd ritt, ein – nun, sagen wir – ein Glas zu trinken, um sich warm zu halten?«

»Ja«, sagte Mrs. Brissett schlicht.

»Hat sie immer gemacht, bevor sie fortging – egal, wohin. Sie war eine echte Lady und konnte mit Alkohol umgehen. Ist nie getaumelt oder gefallen oder sonst was.« Markby blickte verzweifelt aus dem Fenster. Als er wieder sprechen konnte, sagte er:

»Ich danke Ihnen, Mrs. Brissett. Sie haben uns sehr geholfen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie über den Inhalt unseres Gesprächs mit niemandem reden würden – außer mit Mr. Brissett natürlich.«

»Wir können schweigen, Sir«, sagte Mrs. Brissett würdevoll.

»Ich und Fred.«

»Das ist recht. Oh – nur aus reinem Interesse, was haben Miss Needham und ihr Gast gefrühstückt? Eier mit Speck?«

»Nein – Miss Needham war eine wunderbare Köchin. Sie hat einen von diesen Cordel-blue-Kursen mitgemacht, und dort haben sie ganz ausgefallene Sachen gekocht. Sie hatten dieses Fischzeug – Reis mit Fisch und harten Eiern – Kedgeree heißt es, glaub ich.« »Kedgeree«, sagte Markby und blätterte in dem Kochbuch, das Meredith in der Küche gefunden hatte.

»Schauen wir mal. O hurra, hurra! Gekochter Reis, getrockneter gekochter Schellfisch, gekochte Eier, aufgeschnitten, Salz, Pfeffer, Cayenne, alles zu einem Kuddelmuddel zusammengerührt und siedendheiß serviert. Ich muß Paul fragen, aber wenn da jemand ein Dutzend winzige Tranquilizer hineingemixt hat, als sie ihm den Rücken kehrte, hätte sie das nie gemerkt und sie mit allem übrigen gegessen.«

»Und das ist Ihrer Ansicht nach passiert?« fragte Meredith sachlich. Er klappte das Buch zu und schnitt eine Grimasse.

»Ich weiß es nicht. Ich habe keinen Beweis. Aber er könnte es so gemacht haben. Eines haben wir ja so ganz nebenbei erfahren, Mrs. Brissett hat uns bestätigt, was uns Jack Pringle, der Harriets Arzt war, gesagt hat. Er konnte Harriet kaum behandeln, weil sie sich strikt weigerte, Medikamente einzunehmen. Er hat ihr keine Tranquilizer verschrieben, und das wird er bei der gerichtlichen Untersuchung auch sehr nachdrücklich erklären. Eines müssen wir unbedingt herausfinden – wer war dieses Phantom, ihr Frühstücksgast?«

»Wenn wir ihn finden«, wandte Meredith ein,

»könnte er sagen, sie habe ihn um die Pillen gebeten und sie freiwillig mit einem Glas Wasser geschluckt.«

»Das ist möglich. Aber wo ist er? Warum hat er sich nicht gemeldet?«

»Angst vor einem Skandal. Vielleicht ist er verheiratet.«

»Sie sind sicher, daß derjenige, der am Abend vorher bei ihr war – der Mann, der sie geküßt hat und den Sie als Silhouette auf der Jalousie sahen –, Sie sind absolut sicher, daß er ging?«

»Ich habe einen Wagen wegfahren gehört. Vielleicht ist er später zurückgekommen, als ich schon schlief. Am Morgen war kein Wagen da, doch ich bin spät aufgestanden. Ebensogut kann er sehr früh weggefahren sein, und ich habe ihn verpaßt. Das ist möglich.«

»Oder er war zu Fuß da – «, sagte Markby vor sich hin. Meredith wand sich voller Unbehagen.

»Tom Fearon?«

»Warum Tom?« Er sah sie scharf an.

»Er wohnt nur ein Stück weiter unten an der Straße. Am Montag hatten sie in den Stallungen eine Auseinandersetzung, aber viel hab ich nicht davon gehört.« Sie wiederholte, was sie aufgeschnappt hatte.

»Sie sagte ihm, er könne zu ihr kommen, wenn er sich beruhigt habe.«

»Nun, ich werde mit ihm sprechen. Aber sie hätte ihn sowieso gesehen, als sie am zweiten Weihnachtstag ihr Pferd zur Jagd abholte.« Er runzelte die Stirn.

»Kein Mensch reitet heutzutage noch zu einem Jagdtreffen. Sie haben alle Pferdetransporter und bringen die Tiere mit dem Wagen hin. Was hatte Harriet vor?«

»Tom hat einen Transporter, einen kleinen, für zwei Pferde.«

»Hm …« Markby legte das Kochbuch weg.

»Ich werde mir Tom vornehmen, heute oder morgen.«

»Ich habe nicht behauptet, daß es Tom war«, sagte Meredith hastig.

»Nur daß sie sich gut kannten und ein bißchen gestritten haben.«

»Was für ihn kein Grund wäre, ihr Tranquilizer in den Frühstücksreis zu mixen. Das ist nicht Toms Stil. Tom packt immer den sprichwörtlichen Stier bei den Hörnern. Wir haben es mit einer vorsätzlichen Handlung zu tun. Jemand hat die Pillen mitgebracht, hat auf seine Gelegenheit gewartet. Aber warum? Und was wollte er damit erreichen?«

»Er wußte, daß sie zur Jagd wollte, und hoffte, daß sie vom Pferd fallen würde.«

»Ja – er wußte auch über den Bügeltrunk Bescheid und daß sie ein oder zwei Gläser trinken würde. Die Mischung aus Alkohol und Pillen würde sie benebeln.«

»Aber sie war schon benebelt, bevor der Bügeltrunk serviert wurde«, erklärte Meredith.

»Wir haben sie beide gesehen und Dr. Pringle auch. Er hat ihr noch gesagt, sie soll nichts mehr trinken. Er dachte, sie hätte zuviel und zu lange gefeiert.«

»Vergessen Sie nicht, wir wissen von Mrs. Brissett, daß Harriet ein Glas oder zwei hatte, bevor sie von Pooks Common aufgebrochen ist. Das würde erklären, warum sie so schnell beschwipst war. Ich frage mich, ob er das wußte? Ob er wußte, daß sie anfangen würde zu trinken, bevor sie auf den Market Square kam? Nehmen wir einmal an, daß irgendein Mann – es könnte genausogut eine Frau gewesen sein –, jemand den wir nicht kennen, mit ihr zum Frühstück verabredet war, ihr die Pillen ins Essen gemischt hat und dann seiner Wege ging. Er hätte damit gerechnet, daß sie einen Bügeltrunk und vielleicht auch einen zweiten nehmen, nach einer Weile schwindelig werden und sehr wahrscheinlich beim ersten Hindernis, das sie erreichte, vom Pferd fallen würde.« Markby hielt inne.

»Beim ersten Hindernis, das sie erreichte«, wiederholte er.

»Verdammt, das habe ich auch zu Pearce gesagt. Aber sie ist nicht dort gefallen, sondern auf dem Market Square. Ob er das vorhergesehen hat, der Frühstücksgast? Das frage ich mich. Ob das seine Pläne nicht ein bißchen durcheinanderbrachte? Sie ist zu bald gefallen – zum Teil dank Simon Pardy und seiner närrischen Kapriolen.«

»Warum hat er es getan?« wollte Meredith wissen.

»Angenommen, dieser Mann, den wir nicht kennen, hat es getan. Warum wollte er ihr überhaupt etwas antun?«

»Ah, jetzt sind wir wirklich in Schwierigkeiten. Was hatten Sie für einen Eindruck von Harriet? Hat sie sich gern Feinde gemacht?«

»Sie war nett. Ich hatte sie gern. Sie hat mich hier willkommen geheißen. Sie war gut zu den Brissetts. Aber auch geradeheraus. Sie ließ sich nicht über den Tisch ziehen. Ich glaube, wenn sie jemanden nicht mochte, konnte sie eine sehr unangenehme Gegnerin sein. Wie ein Terrier hätte sie nicht losgelassen.« Sie dachte an Frances Needham-Burrell und ihre Drohung, mit ihrem Gesuch, ihre Cousine in Westerfield zu beerdigen, wenn nötig bis zur höchsten Instanz zu gehen. Eine Familieneigenschaft. Sie bekamen, was sie wollten, und taten, was und wie ihrer Meinung nach etwas getan werden sollte, und alle übrigen sollten sich zum Teufel scheren. Obwohl sie Harriet sympathisch gefunden hatte, mußte Meredith zugeben, daß beide, Harriet und Fran, diesen Eindruck machten.

»Die erste Person, die wir finden müssen«, sagte Markby, die Beine ausstreckend,

»ist der Mann, der am Abend des ersten Weihnachtstages im Ivy Cottage war. Sie haben einen Wagen gehört, aber nicht gesehen. Sie wissen nicht mit Bestimmtheit, daß er abfuhr. Er könnte auch nur so getan haben. Mrs. Brissett war sehr diskret wegen des Bettes, dachte aber, es hätten nicht zwei Leute darin geschlafen. Nur ein Kissenstapel, hat sie gesagt.«

»Harriet hätte die Kissen wegtun können.«

»Ich vermute, Mrs. Brissett hat eigentlich gemeint, auf den Bettlaken seien keine Flecke gewesen, wollte es jedoch nicht erwähnen.«

»Oh«, sagte Meredith und wurde rot.

»O ja, ich verstehe.«

»Entschuldigen Sie!« rief Markby verlegen und wurde jetzt selbst feuerrot.

»Ich hatte vergessen, daß ich nicht einfach laut daherreden und meine Gedanken an Pearce weitergeben kann.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagte Meredith aufgebracht.

»So naiv bin ich auch wieder nicht.«

»Okay. Nun, Mrs. B. glaubt, er hat nicht dort geschlafen. Aber vielleicht hat er’s doch getan. Wer ist es, und wo ist er?«

»Wissen Sie«, sagte Meredith leise,

»es war schon irgendwie komisch mit Harriet. Wenn sie mit ihrem Pferd Blazer sprach, war es, als spreche sie mit einem Freund. Einem richtigen menschlichen Freund, der nur zufällig vier Beine hatte. Sie kam mir heiter und kontaktfreudig vor. Aber ich frage mich, ob sie insgeheim nur Tieren vertraut hat? Nur mit ihnen zwanglos umgehen konnte. Irgendwie war sie ein trauriger Mensch. Ich glaube, sie hat sich für Gerechtigkeit eingesetzt. Ich glaube, ich fühle ein bißchen, wie sie empfunden hätte, hätte sie gedacht, daß jemand, den sie kannte, vor seiner Zeit sterben mußte. Sie wäre dem Verantwortlichen unbarmherzig auf den Fersen geblieben, und genau das werde ich auch tun, Alan.«

»Überlassen Sie die Polizeiarbeit den Profis.«

»Ja, aber wenn Sie die Lösung nicht finden, kommt der Fall zu den Akten und wird vergessen. Wie der häusliche Zwischenfall bei Mrs. Brissetts Tochter. Sie haben mich schließlich in diese Sache hineingezogen, und wenn Sie es nicht können, werde ich ihr auf den Grund gehen.« Sie sah ihn herausfordernd an. Sie hat wunderschöne haselnußbraune Augen, dachte er mutlos. Ich denke nicht, daß wir miteinander jemals weiterkommen werden als bisher. Dazu verdammt, jeder auf seiner Seite zu bleiben, durch eine unsichtbare Barriere getrennt. Laut sagte er:

»Ich weiß nicht, was Mrs. Brissetts Tochter damit zu tun hat. Aber Sie haben trotzdem Zeit, heute abend mit mir ein Glas zu trinken, oder? Ins neue Jahr hineinzufeiern? Ich muß lange arbeiten und könnte mich um – sagen wir – halb neun in Bamford mit Ihnen treffen. Vielleicht finden wir ein Pub, in dem wir an der Bar etwas zu essen bekommen, aber sie schließen an Silvester gegen neun Uhr zu, um Randalierer auszusperren. Wenn man dann nicht drin ist, hat man Pech gehabt.«

»Ich bin um halb neun da, wenn Sie mir sagen, in welchem Pub.« »Bunch of Grapes«, sagte Markby spontan.

»In der Nähe der Polizeistation.« Erst als er nach Bamford zurückfuhr, fiel ihm ein, daß das Bunch of Grapes das Pub war, in dem Simon Pardy angeblich am Weihnachtsabend gesessen und getrunken hatte.

Am Silvesterabend war in Bamford viel los. Alle Pubs waren überfüllt, und ein paar ließen nur Gäste ein, die im Vorverkauf Karten gelöst hatten. All dies hätte Balsam für die Seele eines Polizisten sein müssen, aber als Markby zum Bunch of Grapes kam, stellte er erschrocken fest, daß die Holztür fest verschlossen war und ein daran befestigtes Schild verkündete, daß keine Gäste mehr eingelassen würden. Von drinnen hörte er schwatzende Stimmen und Gelächter. Er vermutete, daß Meredith drin war. Und er stand draußen. Das war vermutlich typisch für ihre Beziehung. Er hob die Faust und hämmerte an die Tür. Nach einer Weile wurde sie einen Spalt geöffnet, und hinter einer Sicherheitskette erschien das Gesicht des Wirtes und spähte mißtrauisch in die Nacht.

»Wir haben schon geschlossen. Sie müssen woanders hingehen.«

»Erinnern Sie sich nicht an mich?« fragte Markby, stellte sich ins Licht einer Straßenlaterne und kramte in der Tasche nach seiner Kennkarte.

»Oh, Mr. Markby, nicht wahr? Hatte Sie nicht erkannt, Sir. Ich habe nicht nach der Polizei geschickt. Wir haben keine Schwierigkeiten. Jedenfalls nicht bisher. Deshalb habe ich das Schild an die Tür gehängt.«

»Ich bin nicht dienstlich hier. Bin nur gekommen, um einen Schluck zu trinken, und habe mich mit einer Freundin hier verabredet. Sie ist vielleicht drin.«

Die Sicherheitskette rasselte, und die Tür ging auf.

»Machen Sie schnell!« befahl der Wirt.

»Sonst will nach Ihnen noch jemand rein.«

Markby quetschte sich durch die Tür und fand sich in der überfüllten Bar wieder. Wenn Meredith hier war, konnte er sie nicht sehen. Er schaute über Köpfe hinweg und um Körper herum. Es war unvorstellbar heiß, man konnte kaum atmen, und es war ein kleines Wunder, daß irgendjemand sein Glas an die Lippen heben konnte.

»Ist Ihre Freundin ziemlich groß und hat braunes Haar?« fragte der Wirt.

»Das ist sie. Sie wird doch nicht hiergewesen und wieder gegangen sein?«

»Nein, sie sitzt hinten im Nebenzimmer. Sie hat gesagt, sie wartet auf jemanden.« Das Nebenzimmer zu erreichen bedeutete Kampf, aber er schaffte es. Meredith saß eingekeilt in der Ecke, an einem Tisch, an dem auch noch eine Gruppe anderer Leute saß. Vor ihr stand ein Glas Apfelwein, daneben lag eine halbleere Tüte Chips. Als sie ihn entdeckte, sah sie erleichtert aus. Er nahm ihren gefalteten Anorak von der Bank und setzte sich neben sie.

»Ich habe Ihnen einen Platz freigehalten.«

»Tut mir leid, daß ich mich verspätet habe. Ich hole mir nur rasch was zu trinken – was ist mit Ihnen? Haben Sie Hunger?«

»Es gibt hier nur Sandwichs, aber das macht nichts, ich habe ja die Kartoffelchips.«

»Warten Sie«, sagte er. Er boxte sich zur Bar durch und kam mit einem Pint Bier, einem zweiten Apfelwein und einem Paket in Cellophan verpackter Schinkensandwichs auf einem Zinntablett wieder zurück.

»Ein bißchen primitiv, aber besser als nichts. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet dieses Pub vorgeschlagen habe. Aber sie sind alle so ziemlich gleich.«

»Haben Sie auf der Station viel zu tun?«

»Die dringendsten Sachen habe ich erledigt, doch auf der Station selbst ist viel Betrieb. An Silvester ist das immer so. Es ist noch früh, aber geben Sie uns ein bißchen Zeit, wir bekommen es schon noch mit den Betrunkenen, den Streithähnen und den Autounfällen zu tun. Im allgemeinen kümmert sich jemand anders darum.«

»Ach du meine Güte!«

»So ist das Leben. Sie sind heut abend problemlos mit dem Auto hergekommen?«

»Ja. Ich stehe ganz in der Nähe, vor einem Schuhgeschäft. Das Schaufenster ist beleuchtet und wirft Licht auf mein Auto, deshalb dachte ich, das sei ein guter Platz, und niemand würde versuchen, es aufzubrechen und damit davonzufahren.«

»Logisch gedacht. Nun – trinken wir auf ein glückliches und erfolgreiches neues Jahr.« Er hob sein Glas.

»Ich wünsche Ihnen das gleiche. Cheers.« Sie nippte an ihrem Apfelwein und stellte ihn wieder ab.

»Eigentlich ist mir nicht sehr nach Feiern zumute. Ich weiß, ich sollte vergnügt sein, aber Silvester wirkt auf mich immer irgendwie deprimierend. Und diesmal noch mehr als sonst. Tut mir leid, daß ich Ihnen den Spaß verderbe.«

»Was geschehen ist, können Sie nicht ändern.« Markby riß das Sandwichpaket auf.

»Möchten Sie eins?«

»Aber nur eins. Ist da Senf drin?« Er klappte die oberste Brotscheibe auf.

»Nein, nur irgendwas Saures.«

»Okay, nur dieses eine.«

»Entschuldigen Sie, wenn ich so reinhaue, ich habe keinen Lunch gehabt.«

»Oh, dann können Sie aber alle Sandwichs haben.«

»Nein …« Er schob ihre Hand weg, die ihm das Sandwich reichen wollte, und sagte undeutlich:

»Ist schon in Ordnung.« Berühmte letzte Worte. Aus der Bar hörte man plötzlich Geschrei und das Splittern von Glas. Im Nebenzimmer blickten alle erschrocken und interessiert zugleich auf. Die Menge zwischen den beiden Lokalitäten wogte hin und her. Ein Mädchen schrie, und dann fiel ein Körper zu Boden und prallte dumpf auf. Das schwitzende purpurrote Gesicht des Wirtes erschien –

»Mr. Markby!« – und verschwand wieder.

»Tut mir leid, ich werde gebraucht. Die fangen ja früh an.« Markby schluckte einen nur halb gekauten Bissen herunter, sprang auf und ließ Meredith allein. Er drängte sich zur Bar durch. Dort bot sich seinem Blick ein unglaubliches Durcheinander. Die Gäste waren an die Wand zurückgewichen und bildeten einen Kreis. Mit einer Mischung aus Bestürzung und Vergnügen sahen sie dem turbulenten Handgemenge zu, das auf dem Fußboden stattfand. Zwar feuerten sie die Raufbolde ab und zu an, achteten jedoch darauf, sich herauszuhalten. Männer fluchten, keuchten, wanden sich, drehten sich, verteilten Fußtritte und boxten. Der Wirt packte Kleidungsstücke und zog vergeblich daran, bevor sie ihm wieder entrissen wurden. Es war schwierig, genau festzustellen, was geschah. Markby überlegte, ob er Verstärkung herbeirufen sollte. Er sah jetzt, daß auf dem Fußboden zwei Männer kämpften. Zwei Mädchen in schwarzem Leder, mit Metallringen und kurzen Haaren schienen beide Männer anzugreifen. Colin Deanes, dem die Brille schief auf der Nase saß, versuchte eine der Beteiligten zu packen, und ein dritter Jugendlicher stürzte sich immer wieder ins Getümmel, wich ebensooft zurück und schrie:

»Hör auf, du Idiot! Simon, hör auf!« Anfangs – bevor er Deanes erkannte – glaubte Markby, es handle sich um eine der üblichen Silvesterraufereien, und bereitete sich darauf vor, dem Wirt zu helfen und die Streithähne zu trennen. Dann erhaschte er einen Blick auf das Gesicht eines der Raufbolde.

»Tom!« brüllte Markby und stürzte sich jetzt selbst ins Getümmel.

»Was zum Teufel tun Sie da?«

»Lassen Sie mich los!« schrie Tom Fearon.

»Ich bring ihn um!«

»Er hat den Jungen angegriffen!« heulte Deanes.

»Aus dem Weg!« kreischte Simon Pardy stand auf und schwang wild die Faust gegen Tom. Weil Markby den Besitzer des Stalls festhielt, konnte er sich nicht schützen, und Simon Pardys Faust traf ihn unter dem linken Auge.

»Lassen Sie mich los, Alan, Sie Idiot!« Tom riß sich los, warf sich auf Pardy und packte ihn an der Kehle. Das ganze nicht überschaubare Knäuel ineinander verkeilter Körper landete wieder auf dem Fußboden. Eines der schwarzgekleideten Mädchen nahm ein Zinntablett und schlug es Tom auf den Kopf. Es prallte mit einem hallenden Echo ab, das sich anhörte wie der Anfang des Vorspanns zu einem Samurai-Film. Deanes hielt einen Moment inne, um sich die Brille zurechtzurücken, und warf sich mit dem löblichen Vorhaben, Simon Pardy herauszuholen, mitten ins Gewühl, richtete jedoch mehr Scha den an als Nutzen.

»Lassen Sie das, Tom!« Es gelang Markby, Fearons Arme zu packen, so daß er Pardys Hals loslassen mußte, und ihn aus dem Getümmel herauszuziehen.

»Deanes! Halten Sie Pardy fest!« Colin Deanes warf beide Arme um Pardy, der hustete und würgte, hielt ihn fest und zerrte ihn zurück. Die beiden schwarzgekleideten Mädchen hörten auf, hin und her zu tanzen. Das Mädchen, das mit dem Tablett zugeschlagen hatte – Markby hielt die schwarzumrandeten Augen zuerst für Spuren von Gewalttätigkeit, bis er merkte, daß es sich um Makeup handelte –, sagte aggressiv:

»Er hat angefangen!« Sie zeigte auf Tom Fearon, der sich gegen Markbys eisernen Griff wehrte und fluchte.

»Er hat Simon niedergeschlagen.«

»Weil er damit geprahlt hat!« brüllte Tom.

»Das kleine Stinktier hat damit geprahlt, was es Harriet angetan hat!«

»Ich hab dir gesagt, du sollst den Mund halten«, sagte der dritte Jugendliche ärgerlich zu Pardy.

»Jetzt schau, was du angerichtet hast.«

»Du!« bellte der Wirt und zeigte auf Pardy.

»Raus mit dir!« Er wandte sich an Tom Fearon:

»Und Sie auch. Ich bin Ihnen sehr dankbar, Mr. Markby«, fügte er höflich hinzu, drängte sich zur Eingangstür durch und öffnete sie. Markby, der Tom festhielt, Deanes, der Pardy umklammerte, und Meredith, die aus dem Nebenzimmer gekommen war, als Nachhut, stolperten ins Freie. Hinter ihnen fiel krachend die Tür des Bunch of Grapes zu.

»Deanes«, sagte Markby keuchend, der Tom Fearon nur mit größter Mühe festhalten konnte, als er in einem erneuten Wutausbruch wieder auf Pardy losgehen wollte.

»Sie sind mir für diesen Jungen verantwortlich. Bringen Sie ihn nach Hause.«

»Es war nicht seine Schuld – «, begann Deanes.

»Es ist mir schnuppe, wessen Schuld es war. Wollen Sie, daß ich ihn einsperre? Nein? Dann bringen Sie ihn nach Hause. Sofort!« Deanes ging und zerrte den laut protestierenden Simon Pardy die Straße entlang.

»Jetzt zu Ihnen, Tom.« Markby wandte sich an Fearon, der schwer atmend an der Tür des Bunch of Grapes lehnte.

»Ich fahre Sie nach Hause.«

»Ich bin selbst mit dem Wagen hier.«

»Möglich. Aber Sie können nicht fahren.«

»Ich hab noch nicht zuviel!« schrie Tom wütend.

»Ich bin nicht betrunken, verdammt! Das kleine Stinktier hat tatsächlich vor seinen gräßlichen Freunden damit angegeben, was er getan hat. Stand einfach an der Bar und behauptete, daß sie es verdient hat. Daß Harriet es verdient hat. Wollen Sie ihm das durchgehen lassen?«

»Ich weiß nicht – und es ist jetzt auch nicht wichtig –, ob Sie zuviel getrunken haben oder nicht. Ihr ganzer Zustand verbietet es mir, Sie jetzt ans Steuer eines Wagens zu lassen. Also, Tom, entweder fahre ich Sie zurück, und Sie versprechen mir, dortzubleiben, oder ich werde dienstlich und nehme Sie fest.«

»Mich festnehmen?« Tom schien drauf und dran, einen Schlaganfall zu bekommen.

»Warum nehmen Sie nicht ihn fest? Warum sperren Sie nicht ihn hinter Gitter? Er hat Harriet getötet. Er ist einfach so davongekommen und weiß das auch ganz genau. Wenn diese beiden seltsam aussehenden Mädchen sich nicht eingemischt hätten und der andere Typ mit der Brille nicht aus dem Nichts aufgetaucht wäre, hätte ich aus Pardy Hackfleisch gemacht, das schwör ich Ihnen.«

»Dann danken Sie Ihrem Glücksstern, daß Deanes Sie daran gehindert hat. Seien Sie kein Esel, Tom, und kommen Sie mit – mein Wagen steht dort unten.« Er schob Tom nicht ohne Schwierigkeiten den Gehsteig entlang zum Wagen, öffnete die Beifahrertür und schubste Tom hinein. Dann ging er auf die andere Seite und setzte sich ans Steuer. Merediths Gesicht erschien neben Toms Fenster, und sie klopfte an die Scheibe.

»Entschuldigen Sie.«

»O Jesus«, sagte Markby,

»ich hatte Sie vergessen. Kurbeln Sie das Fenster runter, Tom.« Tom gehorchte.

»Es tut mir furchtbar leid!« rief Markby Meredith über den Kopf seines Beifahrers hinweg zu.

»Ich bring Tom nach Pook’s Common und komm zurück!«

»Das hätte keinen Sinn. Wir sind aus dem Pub ausgesperrt. Alle Hooligans zusammen. Wenn Sie nach Pook’s Common fahren, fahr ich hinter Ihnen her. Und wenn Sie später noch Zeit haben, kommen Sie bei mir vorbei.« Sie verschwand. Markby drehte den Zündschlüssel um.

»Tom«, sagte er mühsam beherrscht,

»Sie haben mich am Weihnachtstag gestört, als Sie wegen der ausgebrochenen Pferde anriefen. Und jetzt haben Sie mir den Silvesterabend verdorben. Ich hoffe, das ist Ihnen klar?«

»Sie können mich – «, knurrte Tom, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte finster durch die Windschutzscheibe.

»Sie wissen, was Sie mich können, Alan«, schloß er versöhnlicher.

Langsam fuhr Markby zu den Stallungen zurück. Auf der Landstraße zwischen Bamford und Westerfield, mit den frostig weiß schimmernden Feldern zu beiden Seiten, sah er, wenn er in den Rückspiegel schaute, die Scheinwerfer von Merediths Wagen, die sich in die Dunkelheit bohrten. Tom schwieg nachdenklich, in einer Stimmung, die bösartiger war als normale Wut. Da hast du’s, dachte Markby resigniert. Ein weiteres Tête-à-tête, das vielleicht zu Situationen geführt hätte, von denen er nur träumen konnte – verdorben. Die ganze Geschichte mit seiner und Merediths Freundschaft irgendwie verhext. Er selbst verhext.

»Ich weiß wirklich nicht, warum ich zur Polizei gegangen bin«, sagte er laut. Tom knurrte. Sie bogen bei Fenniwicks Garage ab, tauchten in die Dunkelheit ein und fuhren dann über die schmale Straße nach Pook’s Common. Er sah Meredith vor ihrem Cottage anhalten, holperte jedoch weiter, bis er die Stallungen erreichte, wo er den mürrischen Tom auslud und ihm unmißverständlich klarmachte, daß er zu Hause zu bleiben hatte. Toms Antwort war nur schwer zu verstehen, und das war vielleicht ganz gut so. Als Markby ins Rose Cottage kam, hatte Meredith Tee aufgebrüht, den sie aus einem großen irdenen Becher trank; sie saß in der Küche.

»Es tut mir so schrecklich leid«, sagte Markby niedergeschlagen.

»Es war nicht Ihre Schuld. Möchten Sie eine Tasse Tee?«

»Ja, bitte. Es ist nur so, ich hätte die Kollegen zu Hilfe rufen und Pardy und Tom in den Knast schikken können, aber wir haben in Bamford nur zwei Zellen, und die werden heute nacht gebraucht. Es war ja auch nicht die übliche Prügelei, eher …« Er hielt inne.

»Mehr in der Natur eines häuslichen Zwischenfalls?«

»Das war’s«, sagte er dankbar.

»Ich bin sehr froh, daß Sie es verstehen.«

»Nicht der Rede wert. Hat Tom sich beruhigt?«

»Das weniger, er ist eingeschnappt. Aber wenigstens kann er heut nacht nicht mehr in Schwierigkeiten geraten. Ich werde dafür sorgen, daß sein Wagen morgen auf den Abstellplatz der Polizei gebracht wird, dann muß er zu mir kommen, bevor er ihn zurückbekommt.«

»Er könnte ein Pferd satteln und im Galopp über die Felder und bei Mondlicht nach Bamford zurückreiten. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß er so was tut.«

»Können Sie sich auch vorstellen, daß Tom heimlich Tranquilizer in Harriets Kedgeree schmuggelt?« fragte Markby ruhig. Nach einer Weile sagte Meredith ein bißchen reuig:

»Nein, das nicht. Ich könnte mir vorstellen, daß er sich in einem Anfall von Jähzorn ein Gewehr schnappt und ein paarmal in die Luft schießt.«

»Tom handelt manchmal, als hätte man ihm das Gehirn amputiert, aber er ist ein impulsiver Mensch, er plant nicht. Und er würde nichts tun, wofür er ins Gefängnis müßte. Wegen der Pferde, wissen Sie? Was auch sonst geschieht, Toms Fürsorge gehört vor allem seinen Pferden. Jemand muß die Boxen ausmisten, ihnen mit einem Taschenmesser Steinchen aus den Hufen kratzen – oder was er eben sonst so den lieben langen Tag tut. Ich habe ihn ermahnt, den Rest der Nacht zu Hause zu bleiben, und ich denke, das wird er tun.«

»Hoffentlich haben Sie recht. Impulsive Menschen können sich sehr merkwürdig verhalten.«

»Allmählich habe ich den Eindruck, daß Sie Tom nicht so recht mögen«, sagte Markby.

»Um mir ein Urteil zu bilden, kenne ich ihn zuwenig«, sagte sie reserviert.

»Nun, trinken wir auf ein glückliches neues Jahr.« Sie hob ihren Teebecher.

»Es ist nach Mitternacht. Tatsächlich schon fünfzehn Minuten nach. Das neue Jahr hat begonnen.« Markby schaute auf seine Uhr.

»Tatsächlich. Frohes neues Jahr.« KAPITEL 8 Neujahrstag. Ein klarer, frischer Morgen, und überall ungestörte Ruhe, da ganz Bamford nach seinen Feiern stets lange schlief. Alan Markby wanderte in seinen Hinterhof – der ortsansässige Immobilienmakler bezeichnete andere gleichartige in der Straße als

»Patios« – und dachte über sein eingeschränktes Wahrnehmungsvermögen nach. Die Kaffeetasse in der Hand, warf er einen grüblerischen Blick auf Mauer und gefliesten Boden und überlegte, wo kommendes Frühjahr Hängekörbe und Pflanzenkübel mit Sträuchern ihren Platz haben sollten. Was hätte er für einen richtigen Garten gegeben! Oh, sich nur eine Zeitlang auf richtige Gartenarbeit konzentrieren zu können. Einmal hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich um ein Grundstück zu bemühen, von Bohnen, Kartoffeln und Salat geträumt. Aber das mußte ein Luftschloß bleiben. Wann hatte er schon Zeit, den ganzen Tag in der Sonne zu buddeln, Unkraut zu harken und sorgfältig Setzlinge auszupflanzen. Worauf er jetzt bestenfalls hoffen konnte, war ein vorzeitiger Ruhestand, denn dann könnte er sich irgendwo auf dem Land ein hübsches Grundstück suchen. Das führte seine Gedanken zurück nach Pook’s Common. Was für ein abgeschiedener Ort. Er war wirklich nicht begeistert, daß Meredith dort draußen wohnte, obwohl Rose Cottage selbst sehr reizvoll war. Er war bestürzt gewesen, als er erfuhr, daß sie derzeit praktisch die einzige Bewohnerin war, abgesehen von Tom, der bei seinen Stallungen hauste, zu weit entfernt, um irgendwelche Hilfeschreie zu hören – obwohl er ziemlich schnell an Ort und Stelle sein konnte, wenn man ihn telefonisch herbeirief. Wenn man andererseits Toms Ruf als ländlicher Don Juan bedachte, entsprach er eigentlich nicht dem Beschützer, den Markby sich für Meredith vorstellte, besonders nicht, wenn er auf einem schäumenden Hengst im Galopp heranpreschte und aussah wie JungLochinvar aus Sir Walter Scotts Marmion. Und da er gerade an Tom dachte – er mußte noch am Vormittag zu ihm hinausfahren. Frohes neues Jahr, ha! Das schrille Klingeln des Telefons brach in seine Gedanken ein. In der heimlichen Hoffnung, daß es Meredith war, ging er schnell ins Haus und schnappte sich den Hörer.

»Alan Markby.«

»Ah, Alan, Sie sind genau der Richtige. Ein gutes neues Jahr und so weiter.« Colonel Stanley. Wieso in aller Welt rief er um – Markby schaute auf die Uhr – zehn Uhr morgens an, um ihm ein gutes neues Jahr zu wünschen? War der alte Junge besoffen?

»Alan …« Die Stimme des Masters klang dumpf und konspirativ.

»Ich habe mich gefragt, ob Sie heute vormittag vielleicht auf einen Drink vorbeikommen könnten, um das neue Jahr zu begrüßen.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sir, aber ich muß zu den Stallungen hinausfahren und mit Tom Fearon sprechen.«

»Wenn Sie doch kommen könnten …« Der Master sprach fast unhörbar.

»Ich habe wieder einen von diesen vermaledeiten Briefen bekommen.«

»Was?«

»Kann am Telefon nicht reden – will nicht, daß meine Frau was davon erfährt. – Oh, hallo, meine Liebe, ich habe den jungen Alan eben gefragt, ob er Lust hat, auf ein Glas Sherry vorbeizuschauen …« Die Stimme des Masters klang so, als habe seine Frau ihn bei einem Telefonat mit einer Callgirl-Agentur ertappt, zu hoch, zu jovial und dazwischen ein närrisches, gackerndes Lachen, das er anscheinend nicht unterdrücken konnte. Eine gedämpfte Frauenstimme ertönte im Hintergrund, die sehr praktisch und sachlich klang.

»Meine Frau fragt, ob Sie Lust hätten, mit uns zu lunchen?« sagte der Master in einem normaleren To n .

»Das ist sehr liebenswürdig von Ihrer Frau, aber ich muß wirklich zu Tom und weiß nicht, wie lange es dort dauern wird. Aber auf einen Sherry komme ich gern vorbei. Kann es lieber früher sein als später? Denn wenn ich einmal bei Tom bin …«

»Kommen Sie jederzeit, jederzeit. – Was, Charlotte? Nun, woher soll ich das wissen? Ja, in Ordnung. – Meine Frau sagt, Sie brauchen sich nicht zu beeilen, wenn Sie noch nicht fertig sind. Sie denkt vielleicht, Sie haben das neue Jahr ein bißchen zu ausgiebig begrüßt.« Ich habe, wenn Sie’s genau wissen wollen, das neue Jahr in einer Küche bei einer Tasse Tee begrüßt, nachdem ich in einem Pub zwei Kampfhähne getrennt und für Tom Fearon das Taxi gespielt hatte. Laut sagte er:

»Ich bin dann so gegen zehn vor elf bei Ihnen, wenn es Ihnen recht ist. Und bitte heben Sie den Briefumschlag auf.« Colonel Stanley wohnte am Stadtrand. Früher hatte sein Haus auf dem Land gestanden, doch während der letzten fünfzehn Jahre hatte Bamford sich seitlich ausgedehnt und es umzingelt. Markby wehrte die begeisterte Begrüßung zweier Spaniels ab und wünschte Mrs. Stanley ein erfolgreiches und gesundes neues Jahr.

»Und das Allerbeste für Sie, Alan«, sagte sie, einen Gin Tonic in der linken Hand und mit der rechten seine Hand zermalmend.

»Entschuldigen Sie – ich muß ein bißchen Holz hacken. Kommt mit, Jungs!« Die

»Jungs« – die beiden Spaniels – sprangen neben ihr her, als sie im Zickzack hinausging.

»Kann sie denn Holz hacken?« fragte Markby voller Unbehagen.

»Oder soll lieber ich …«

»Oh, sie schafft das. Geht sehr geschickt mit dem Beil um, das tut Charlotte.« Der Master sah nicht nur erleichtert aus, als seine bessere Hälfte verschwand, man hörte ihm die Erleichterung auch an.

»Setzen Sie sich, ich hole den verdammten Brief.« Er war in Text und Aussehen dem sehr ähnlich, den Tom bekommen hatte. Aus Zeitungsschnipseln zusammengesetzt, ziemlich flüssig im Ausdruck und fehlerlos, was an sich schon interessant war. Wer auch immer dahintersteckte, er war gebildet. Pardy war gebildet.

»Ich nehme ihn mit, wenn ich darf.«

»Bitte, ja. Ich will ihn hier nicht haben.«

»Sie sagen, er ist heute morgen gekommen?« Markby legte die Stirn in Falten. Es war ein gesetzlicher Feiertag, an dem keine Post zugestellt wurde. Bin ich kein Mitglied der Öffentlichkeit? dachte er. Steht mir kein Feiertag zu? Nein, er war Polizist, und Feiertage gab es nicht für ihn.

»Ah, das ist jetzt interessant, und ich kann Ihnen auch ziemlich genau sagen, wann der Brief gebracht wurde.« Der Master nickte und fand nun, da er die Verantwortung für den Brief los war, zu seiner praktischen und sachlichen Art zurück.

»Es ist so, Charlotte und ich haben bei Freunden ins neue Jahr hineingefeiert und kamen heute morgen erst gegen zwei nach Hause. Um diese Zeit lag ganz bestimmt kein Brief auf der Matte. Wir gingen zu Bett, aber – oh, so gegen vier fingen die verdammten Hunde an zu bellen. Ich stand auf und sah aus dem Fenster, aber da war niemand. Also ging ich auf den Treppenabsatz und beugte mich über das Treppengeländer. Die beiden Hunde schlafen in der Halle, müssen Sie wissen. Ich rief, und sie hörten mit dem Radau auf, daher kam ich zu dem Schluß, daß niemand ins Haus eingedrungen war. Sie hatten nur draußen irgendein Geräusch gehört, wahrscheinlich ein paar Leute, die von einer Silvesterparty zurückkehrten. Früher einmal war das Haus nachts so still wie ein Grab, doch jetzt sind wir praktisch umbaut – haben diese neuen Häuser direkt hinter uns. Es ist die ganze Nacht laut und unruhig, Autotüren, Motorengeräusche, Scheinwerfer, die über die Fenster huschen … Und wenn ein Hund anfängt zu bellen, fallen die anderen natürlich ein. Ich war jedenfalls spät ins Bett gekommen und hatte nicht die Absicht, runterzulatschen und nachzusehen, also ging ich wieder schlafen. Heute morgen bin ich um halb neun heruntergekommen, um die Hunde rauszulassen und mir eine Tasse Tee zu machen – und da lag der Brief, auf der Matte. Ich hätte ihn nicht übersehen können, wenn er schon früher dagewesen wäre. Nur gut, daß ich runtergekommen bin und nicht Charlotte. Ich möchte nicht, daß sie das liest. Widerwärtiges Zeug.« Markby dachte, daß die Frau des Masters ihm ziemlich robust vorkam und bestimmt nicht schreckhaft war, doch er nickte verständnisvoll.

»Es sieht demnach so aus, als sei er gegen vier Uhr morgens von jemandem gebracht worden.«

»Genau.« Sorgfältig schob Markby Brief und Umschlag in einen größeren Umschlag.

»Ich bringe ihn in meine Dienststelle, dann muß ich aber in den Mietstall. Muß Tom nach Bamford fahren, damit er seinen Wagen abholen kann.«

»Oh, hat er etwa einen Unfall gehabt?«

»Nein, klugerweise hat er seinen Wagen in Bamford stehenlassen, weil er getrunken hatte.« Colonel Stanley brachte ihn zur Tür.

»Schade, daß Sie nicht zum Lunch bleiben können. Frances Needham-Burrell kommt rüber.«

»Ach ja?« Markby unterdrückte seine Begeisterung.

»O ja, ich habe sie kennengelernt.«

»Nettes Mädchen. Sieht auch gut aus.«

»Ja. Ich springe noch schnell nach hinten, um mich von Ihrer Frau zu verabschieden.« Er folgte dem Geräusch der Beilhiebe und winkte der Frau des Hauses. Sie hielt, das Beil mit beiden Händen über dem Kopf schwingend, in der Arbeit inne.

»Oh, Sie gehen schon? Schade, daß Sie nicht zum Lunch bleiben können. Fran Needham-Burrell kommt.«

»Das hab ich gehört. Aber ich muß wirklich weg.«

»Schade. Nettes Mädchen. Und bildhübsch.«

»Ja.« Flucht.

Auf der Polizeistation bereitete er den Brief für die erkennungsdienstliche Untersuchung vor, obwohl er nicht glaubte, daß das ihnen viel verraten würde; dann griff er zum Telefon und wählte die Nummer von Colin Deanes.

»Ja?« Das klang verschlafen. Wahrscheinlich habe ich ihn aus dem Bett geholt, dachte Markby. Gut.

»Markby hier. Haben Sie es gestern nacht geschafft, den Burschen nach Hause zu bringen?«

»Habe ich.« Deanes Stimme wurde lebhafter. Es folgte eine Pause, und Markby stellte sich vor, daß er die Brille aufsetzte. Ohne sie fühlte sich Deanes vermutlich psychologisch im Nachteil.

»An der kleinen Keilerei war nicht der Junge schuld. Wir haben Zeugen – drei sogar. Er hat nur mit seinen Freunden auf das neue Jahr angestoßen.«

»Und unverschämte Reden geschwungen, soviel ich gehört habe.«

»Hören Sie, Chefinspektor«, sagte Deanes vernünftig.

»Es war Silvester, und vielleicht hatte der Junge ein paar Pints getrunken und redete idiotisch daher. Aber mehr als das war es nicht. Er war nicht bösartig. Nur ein bißchen albern. Und dieser andere Kerl ist über ihn hergefallen. Richtig gewalttätig.«

»Ich würde sagen, er wurde provoziert.«

»Der Angreifer ist ein Freund von Ihnen, hab ich gehört«, fauchte Deanes.

»Es ist der erste Tag eines neuen Jahres, und ich will Ihnen den Gefallen tun und die Anspielung in dieser Bemerkung ignorieren.«

»Ich wollte Sie nicht beleidigen«, sagte Deanes hastig.

»Aber weder Sie noch ich wollen eine Staatsaffäre aus der Sache machen, schätze ich. Der Junge wird es nicht wieder tun.«

»Das hoffe ich. Sein Benehmen könnte sonst als versuchter Friedensbruchs angesehen werden. Und vom rechtlichen Standpunkt einmal abgesehen – es war äußerst geschmacklos.«

»Hinterher hat es ihm sehr leid getan.« Na, und ob! dachte Markby grimmig.

»Haben Sie ihn wirklich bis ins Haus begleitet?«

»Ja, hab ich. Ich setzte ihn in die Küche, kochte Kaffee und redete sehr ernst mit ihm. Er hat es bereut, wie ich schon sagte. Gegen – na – Viertel vor zwei bin ich dann gegangen.«

»Waren seine Freunde schon zu Hause?«

»Nein. Sie hatten vom Pub aus noch irgendwohin zu einer Party gehen wollen.«

»Und er? Wollte er nicht zu dieser Party?«

»Nein, ich nehme an, er war nicht eingeladen. Der Junge ist ein ziemlich trauriger Fall, wissen Sie. Er braucht Ermutigung, jemanden, der ein wohlwollendes Interesse an ihm nimmt.«

»Das stimmt wahrscheinlich, aber inzwischen muß er lernen, seinen Aggressionstrieb zu unterdrücken.«

»Ich denke, Sie sind unfair, wissen Sie das?«

»Ja, ich weiß, daß Sie das denken. Ich sehe Sie zweifellos demnächst. Meine besten Wünsche für das neue Jahr und so weiter.«

»O ja, ein frohes neues Jahr.« Markby legte auf. Er hätte wetten können, daß Simon Pardy sobald Deanes gegangen war, erneut Rache übte an der Welt, die gegen ihn war, und die Demütigung, die er erlitten hatte, damit zu beschwichtigen suchte, daß er einen weiteren unflätigen Brief zusammenklebte und durch den Briefschlitz in der Haustür des Masters warf. Er brauchte etwa eine halbe Stunde, vielleicht um diese frühe Morgenstunde noch weniger, um von der Jubilee Road zum Haus des Masters zu kommen. Deanes war gegen zwei gegangen, der Brief gegen vier Uhr gebracht worden. Massenhaft Zeit. Er würde noch einmal mit Pardy sprechen müssen. Doch zuallererst mußte er hinausfahren und Tom aufsuchen.

Auf dem Weg zu den Stallungen hielt er beim Rose Cottage an. Zuerst fragte er sich, ob er Meredith vielleicht aus dem Schlaf riß wie Deanes. Aber dann sah er, daß die Vorhänge geöffnet waren, und als er den Weg entlangblickte, der seitlich am Cottage vorüberführte, sah er etwas flattern. Er stieg aus dem Wagen und ging ums Haus herum in den Hintergarten.

Sie hängte Wäsche auf. Sie trug marineblaue Kordhosen, ein rotes Baumwollhemd und eine blaue Strickjacke. Der Wind zerzauste ihr das dunkelbraune, glänzende Haar, was er für sein Leben gern auch getan hätte, wozu er aber kaum jemals die Gelegenheit bekommen würde.

»Hallo«, sagte er.

»Wildern Sie nicht in Mrs. Brissetts Revier?«

»Ich habe nur meine Handwäsche gewaschen. Hab ja sonst nichts zu tun. Bleiben Sie eine Sekunde – ich bin fast fertig. Wollen Sie in die Küche gehen? Dort ist es wärmer.«

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, wandere ich ein bißchen durch den Garten.« Die Hände in den Taschen, schlenderte er an ihr vorüber und inspizierte lässig den Hintergarten des Cottages. Wie viele Cottagegärten war er ursprünglich dazu bestimmt gewesen, einen Arbeiter und seine Familie zu ernähren. Er war überraschend lang, und obwohl jetzt der größte Teil nur noch aus Rasen bestand, konnte man unschwer feststellen, wo die Gemüsebeete gewesen waren. Beerensträucher gab es auch noch, jetzt jedoch zu kahlen Stümpfen zurückgeschnitten, eingesperrt in einen Drahtkäfig, um sie vor der Plünderung durch Amseln und Drosseln zu schützen. Man sah auch noch die Überreste eines Erdbeerbeetes, doch niemand hatte es für die kommende Jahreszeit vorbereitet. Meredith gesellte sich zu ihm.

»Hier würden Sie wohl gern Hand anlegen, wie?«

»Aber durchaus nicht.«

»Sie dürfen ruhig kommen und alles umgraben, solange ich hier wohne. Ich habe nichts dagegen, meine Erdbeeren und Schwarzen Johannisbeeren selbst zu pflücken, vorausgesetzt, jemand hat dafür gesorgt, daß sie wachsen.«

»Ich bezweifle, daß Sie von diesem Beet viele Erdbeeren ernten können, keine von guter Qualität jedenfalls. Sie bekämen allenfalls eine Sorte für Marmelade.«

»Wieso in aller Welt denken Sie, ich wüßte, wie man Marmelade macht?«

»Ich habe versucht, in einem dieser irdenen Spezialtöpfe Erdbeeren zu ziehen«, sagte er wehmütig.

»Aber die Schnecken kamen zu dem Schluß, der Topf sei ein überaus erstrebenswertes Domizil, und zogen ein.«

»O Alan«, sagte sie plötzlich – und verstummte. Überrascht blickte er auf, und sie fügte hastig hinzu:

»Kommen Sie auf eine Tasse Kaffee hinein?«

»So gern ich es tun würde, aber ich habe keine Zeit. Ich bin unterwegs zu Tom, und hinterher muß ich ihn nach Bamford bringen, damit er seinen Wagen abholen kann. Außerdem war ich schon auf einen Sherry beim Master.« Er zögerte.

»Er hat einen Brief bekommen.«

»Einen anstößigen, nehme ich an. Und wie hat er ihn bekommen? Heute gibt es doch keine Post.«

»Der Brief wurde im Morgengrauen durch den Briefschlitz geworfen. Die Stanleys wohnen am Stadtrand.«

»So daß der Verfasser in der Stadt oder auf dem Land leben könnte?« Er zuckte mit den Schultern.

»Ich komme heut abend vorbei.«

»Das ist nett.« Er fuhr ab, und sie stand, die Arme gegen den kalten Wind fest vor der Brust verschränkt, an der Gartenpforte und sah ihm nach. Am liebsten wäre er bei ihr geblieben und hätte mit ihr Kaffee getrunken. So aber stand ihm nur eine heftige Auseinandersetzung mit Tom bevor. Er hielt auf dem Grasstreifen unter dem Schild mit der Aufschrift Pook’s Stallungen.

Er stieg aus und fragte sich, ob Tom den Motor oder das Zufallen der Wagentür gehört hatte. Der Hof schien verlassen. Er öffnete die Gattertür und ging hinein. Der Boden war zertrampelt und aufgeweicht, voller Pfützen, verstreutem Stroh und Hufspuren. Ein verzinkter Eimer, von einem heftigen Hufschlag zu einer merkwürdigen Metallskulptur verformt, lag neben der Tür einer Pferdebox. Aber der Misthaufen dampfte in der kalten Luft, ein Zeichen dafür, daß Tom schon aufgestanden und an der Arbeit gewesen war, und aus den Boxen, deren obere Türhälften offenstanden, hörte man Stampfen und Schnauben.

»Jemand zu Hause?« rief Markby.

Die Ohren fragend aufgestellt, erschienen zwei intelligente Pferdeköpfe über den Türen ihrer Boxen, um zu sehen, wer da gekommen war. In einer dritten Box hörte man einen Mann leise fluchen. Die Tür ging auf, und Tom erschien mit finsterer Miene in der Öffnung. Er trug alte Jeans und Gummistiefel, ein Hemd mit offenem Kragen, einen uralten Sweater mit Löchern in beiden Ellenbogen und eine karierte Mütze auf den schwarzen Locken. Seine linke Wange war geschwollen und gerötet.

»Guten Morgen, Tom«, sagte Markby.

»Haben Sie

Zeit für ein paar Worte?«

»Wollen Sie mich wegen nächtlicher Ruhestörung verhaften?«

»Sie haben Glück, daß ich’s nicht getan habe. Sagen Sie mir einen guten Grund, warum Sie morgen früh nicht mit dem Rest der hiesigen Biersäufer vor dem Friedensrichter stehen sollten?« Zornesröte fuhr Tom in das dunkle Gesicht. Dann zuckte er mit den Schultern.

»Geschieht mir recht. Ich hab’s herausgefordert. Aber ich habe rotgesehen, als dieser dürre, kleine Bastard damit prahlte, was er Harriet angetan hat.« Tom kam auf den Hof heraus und schloß die untere Hälfte der Boxentür hinter sich. Das Pferd folgte ihm bis zur Tür und streckte dann den Kopf heraus.

»Blazer«, sagte Markby, als er das Pferd erkannte. Tom drehte sich um und streichelte die weiße Nase des Braunen.

»Du armer alter Kerl. Er weiß, daß etwas nicht stimmt. Sie wissen es immer. Er wirft immer wieder den Kopf zurück und horcht, wartet auf …« Tom drehte sich zu Markby um.

»Kommen Sie ins Haus.« Toms Küche unordentlich zu nennen wäre die Untertreibung des Jahres gewesen. Selbst ein alleinstehender Mann, kannte Markby die Schwierigkeiten, aber Tom schien alle Versuche aufgegeben zu haben, in seinem Haushalt irgendwie Ordnung zu halten. Auf dem Abtropfbrett türmte sich schmutziges Geschirr. Der Abfalleimer quoll über. Über einer Sessellehne hing ein zerrissener Zügel, und auf dem Tisch lagen eine Spule Zwirn, eine Dose Lederfett, Futterrechnungen und andere Korrespondenz, eine Büchse mit seltsamen Reißnägeln und Nägeln, eine Schermaschine und ein einzelner Handschuh. Tom ging zum Kühlschrank und nahm zwei Dosen Bier heraus. Er machte Platz, indem er sorglos etwas von dem Kleinkram beiseite fegte, und stellte eine Dose vor seinen Besucher. Dann setzte er sich ihm gegenüber und zog an dem Ringverschluß seiner Dose. Er hatte die schlammverkrusteten Gummistiefel vor der Tür abgestreift, und als er sich jetzt zurücklehnte und einen Fuß über das andere Knie legte, kam an der Spitze seiner Socke ein großes Loch zum Vorschein.

»Haben Sie niemanden, der für Sie sorgt, Tom?« fragte Markby und hob seine Bierdose.

»Gutes neues Jahr.«

»Nein, ich werde schon mit allem fertig. Ziehe meinen Schweinestall irgendeinem alten Weib vor, das hier mit dem Staubsauger hantiert und alles verräumt, so daß ich’s nicht mehr finde. Cheers und zur Hölle mit dem neuen Jahr.« Ein kurzes Schweigen, während sie tranken.

»Ich hoffe, Sie können mir helfen, Tom. Ich versuche mir ein Bild von Harriets letzten Tagen zu machen – den Weihnachtsfeiertagen. Wo war sie? Was hat sie gemacht?« Markby stellte die Dose weg und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. In Toms schwarzen Augen blitzte es humorvoll auf, als er seine Dose an die Lippen setzte.

»O ja? Das könnte sich als interessant erweisen.« »De mortuis nil nisi bene«, sagte Markby.

»Ich bin nicht gekommen, um im Schmutz zu wühlen.«

»Ach, wirklich nicht?«

»Okay, ich geb’s zu. Ich bin Polizist. Ich tu oft et was, das meine Mutter nicht billigen würde.«

»Meine alte Dame«, sagte Tom,

»war gewöhnlich zu betrunken, um etwas zu billigen oder zu mißbilligen, was ich tat.«

»Ich erinnere mich an Ihre Familie. Und ganz besonders an Ihre Großmutter mütterlicherseits. Sie lebte in einem Wohnwagen auf dem Gemeindeland, trug eine Männermütze, Stiefel und rauchte Pfeife. Als Kind traute ich mich nicht, über das Gemeindeland zu gehen, weil ich eine Todesangst davor hatte, ihr zu begegnen. Sie kam mir vor wie die alte Hexe im Lebkuchenhaus. Ich dachte, sie würde mich braten und essen.«

»Oh, Granny!« sagte Tom anerkennend.

»Sie war eine echte Zigeunerin, auf der Straße geboren. Einem Kind hätte sie nie was getan. Wenn’s bei mir zu Hause allzu schlimm wurde, bin ich zu ihr gelaufen und hab mich bei ihr versteckt. Sie war eine wunderbare Geschichtenerzählerin. Als sie starb, reisten fast hundert von ihren Verwandten von allen Britischen Inseln zur Beerdigung an. Es gab so viele Kränze und Blumen, daß es aussah wie auf der Blumenschau in Chelsea. Sie haben ihr einen richtigen Zigeunerabschied beschert, und als alles vorüber war, haben sie ihre gesamte Habe in ihrem Wohnwagen verstaut und ihn abgefackelt, Zigeunertradition. Und wissen Sie, was passiert ist? Irgendein übereifriger Mensch hat den Rauch gesehen und die Feuerwehr in Bamford angerufen, und die kam laut bimmelnd angeprescht und hat das Ganze gelöscht.« Tom streckte die Arme über den Kopf und grinste, die weißen Zähne in dem gebräunten Gesicht blitzten.

»Jetzt, Alan, mein Bester, repräsentiere ich den respektablen Zweig unserer Familie.«

»Gott helfe uns!«

»So – und wieso denken Sie, daß ich Harriets dunkle Geheimnisse kenne?«

»Lassen Sie das, Tom«, sagte Markby nachsichtig.

»Sie und Harriet waren ›sehr gute Freunde‹, wie die Sonntagszeitungen das nennen, und zwar von dem Tag an, an dem sie nach Pook’s Common kam.«

»Möglich. Ich war nicht der einzige. Sie hatte eine ganze Reihe sehr guter Freunde.«

»Fangen wir am Weihnachtstag an«, sagte Markby.

»Haben Sie sie da gesehen?«

»Nein.«

»Als Sie mich wegen der Pferde anriefen, haben Sie mir gesagt, daß Sie zu spät zum Weihnachtslunch bei einer Frau kämen.«

»Ja. Doch die Frau, um die es ging, war nicht Harriet, wenn Sie darauf hinaus wollen.«

»Sie wissen doch, Tom«, sagte Markby und fand die ganze Sache plötzlich abscheulich,

»daß mir unter normalen Umständen Ihr Wort genügen würde. Aber das ist eine polizeiliche Ermittlung. Ich muß Sie nach dem Namen der Frau fragen.«

»Fragen Sie nur«, erwiderte Tom grimmig. Es folgte eine Pause, und er gab nach.

»Wenn Sie’s unbedingt wissen müssen, es war meine Exfrau Julie. Sie können das nachprüfen. Ich verbringe das Weihnachtsfest gewöhnlich bei ihr, nicht etwa deshalb, weil ich einen Pfifferling drum gebe, ob ich sie wiedersehe oder nicht, sondern wegen meiner Kinder. Weihnachten will ich bei meinen Kindern sein.«

»Ich verstehe.« Markby rutschte auf dem Stuhl hin und her.

»Ich verstehe. Wie alt sind sie?«

»Das Mädchen sieben und der Junge fast neun.«

»Ich bin auch geschieden«, sagte Markby.

»Rachel und ich hatten keine Kinder, und das ist gut so. Es hat alles viel einfacher gemacht. Es war eine ganz glatte Trennung.« Tom trank seinen letzten Rest Bier und saß schweigend da.

»Nun schön«, begann Markby energisch.

»Sie haben Harriet auch nicht am Abend besucht?«

»Nein, und ich war auch nicht die Nacht über bei ihr. Um Ihnen die Mühe zu ersparen, beantworte ich Ihnen diese Frage, bevor Sie sie stellen.«

»Kommen wir zum zweiten Weihnachtstag. Die Pferde – wie haben Sie und wie hat Harriet ihr Pferd zum Treffen gebracht?«

»Ich habe beide Pferde in meinem Transporter hingefahren.«

»Ist Harriet mit Ihnen gefahren?«

»Nein. Sie kam früh in den Stall, gegen halb sieben, um mir bei der Vorbereitung der Pferde zu helfen.«

»Haben Sie gemeinsam gefrühstückt?« fragte Markby hinterhältig.

»Sie ist gegen halb oder dreiviertel acht nach Hause gegangen, wollte baden, sich umziehen und so weiter. Wollte auch frühstücken, nehme ich an. Ich hab im Hof alles fertig gemacht, bin hier reingegangen« – Tom wies mit einer umfassenden Handbewegung auf das kunterbunte Durcheinander seiner Küche –,

»hab mir eine Pfanne Speck gebraten, mich gewaschen, umgezogen, die Pferde verladen und bin nach Bamford gefahren. Harriet hatte sich allein auf den Weg gemacht. Und in Bamford hab ich sie wieder getroffen.«

»Wie war sie am frühen Morgen beim Ausmisten? Ging’s ihr gut? War sie vergnügt?«

»Ungefähr so vergnügt, wie man eben sein kann, wenn man an einem Wintermorgen um halb sieben Pferdeboxen ausmistet, in der eisigen Kälte und bei Dunkelheit versucht Mähnen und Schweife zu flechten, während die Biester einem ihre großen, dreckigen Hufe auf den Fuß plazieren und man sich gegen den Wind stellt, für den Fall, daß sie sich unanständig benehmen.«

»Unanständig?« fragte Markby gedankenlos.

»Das würden Sie auch, wenn sie von einer Grasdiät leben müßten.«

»Ach ja, natürlich.«

»Sie war nicht krank«, sagte Tom abrupt.

»Sie war nicht so wie beim Treffen.«

»Sind Sie sicher?«

»Schwöre es auf einen ganzen Stapel Bibeln.« Dann war’s das Frühstück, das steht fest, dachte Markby. Jemand hat ihr die Tranquilizer heimlich ins Frühstück getan.

»Hat Sie am Morgen hier was getrunken? Alkohol, meine ich.«

»Nein – wir haben uns nur einen Tee aufgegossen. Ich würde sagen, sie hat was gekippt, bevor sie von zu Hause aufbrach, um nach Bamford zu fahren. Und da Ihr lüsterner Geist auf Sex versessen ist, möchte ich noch ergänzen, daß wir viel zuviel mit den Pferden zu tun hatten, um daran zu denken. Ich habe sie nicht einmal in den Hintern gekniffen. Wir haben beide gearbeitet.«

»Sie sagten, sie habe andere enge Freunde gehabt …«

»Ja«, unterbrach ihn Fearon,

»aber ich werde Ihnen keine Namen nennen. Fragen Sie jemand anders. Von mir selbst wissen Sie jetzt alles. Ich bin kein Spitzel.« Es war ihm ernst damit. Tom hatte gesagt, was er sagen wollte, und würde sich kein Wort mehr entlocken lassen. Ihm noch weitere Fragen zu stellen war sinnlos. Dennoch mußte Markby eine allerletzte Frage stellen.

»Okay, Tom – nur noch eins. Es handelt sich um etwas anderes. Haben Sie vielleicht gehört, daß noch jemand einen ähnlichen Brief wie den bekommen hat, den man Ihnen am Weihnachtsabend unter der Tür durchgeschoben hatte?« Tom nahm seine karierte Mütze ab und betrachtete das Innenfutter.

»Einer oder zwei, glaub ich. Erkundigen Sie sich bei den Jagdteilneh mern.«

»Es interessiert Sie vielleicht, daß der Master einen bekommen hat. Einen zweiten. Heute morgen. Und Sie?«

»Nein.« Tom fuhr sich mit der Hand durch seinen lockigen Schopf.

»Ich habe nur eine Beule am Hinterkopf. Jemand hat mir gestern nacht im Pub eins über den Schädel gezogen.«

»Eins von den Mädchen hat mit einem Zinntablett zugeschlagen.«

»Das also war’s – merkwürdige Mädchen, diese beiden, oder? Nur schwarzes Leder und Ringe in Ohren und Nase und die Gesichter vollgekleistert.«

»Die Jugend, Thomas. Sie und ich werden alt.«

»Das trifft nur auf Sie zu. Ich hatte diesem Dreckskerl Pardy eins versetzt, und dann sind die beiden Frauenzimmer über mich hergefallen. Bin verdammt erschrocken. Dachte, ich würde von den Zombies angegriffen.«

»Es scheint Ihnen nicht geschadet zu haben. Kommen Sie, ich fahre Sie jetzt nach Bamford, und Sie können Ihren Mercedes abholen.«

»In Ordnung, warten Sie einen Moment, bis ich ein Paar Schuhe gefunden habe.« Tom setzte die karierte Mütze wieder auf und rückte sie zurecht. Er verschwand in einem anderen Zimmer und kam mit einem Paar Schuhe in der Hand zurück. Er setzte den Fuß auf einen Stuhl und band sich die Schnürsenkel, dann sagte er:

»Etwas könnten Sie mir verraten. Frances – Harriets Cousine – wohnt sie noch in The Crossed Keys?«

»Soviel ich weiß, ja. Aber heute ist sie zum Lunch beim Master.«

»Gut – dann kriegt sie’s am Telefon mit mir zu tun.«

»Tom«, sagte Markby vorwurfsvoll. Er hatte einen Fehler gemacht und sah es sofort. Tom blickte rasch von seinem Schuh auf. Seine dunklen Züge waren hart geworden, und in seine Augen trat ein unfreundliches Glimmen. Einen Augenblick schienen sich seine fünfundsiebzig Prozent Nicht-Zigeunerblut in den fünfundzwanzig Prozent Zigeunerblut aufgelöst zu haben, die er von seiner Großmutter geerbt hatte. Er sagte ruhig:

»Soviel ich weiß, ist sie Harriets Testamentsvollstreckerin. Als solche wird sie Blazer wahrscheinlich verkaufen. Ich würde ihn gern kaufen. Er ist ein gutes Pferd, und ich habe das Gefühl, daß ich es Harriet schuldig bin, mich um ihn zu kümmern.«

»Tut mir leid, Tom«, sagte Markby aufrichtig.

»Mein Fehler. Es war eine unpassende Bemerkung.« Tom Fearon entspannte sich, stellte den Fuß auf den Boden und richtete sich auf.

»Ich denke«, sagte er sanfter,

»Harriet hätte sich gefreut zu wissen, daß der alte Blazer in seinem vertrauten Stall und bei Leuten bleiben kann, die er kennt.«

»Ja, davon bin ich überzeugt, Tom.« Sie gingen hinaus, und Tom sperrte hinter sich ab.

»Früher hab ich mir nie die Mühe gemacht, abzuschließen«, sagte er.

»Keine Seele in Pook’s Common. Doch jetzt bekomme sogar ich Nerven. Wissen Sie …« Sie überquerten den Stallhof, und Tom zeigte auf die ihn umgebenden Gebäude.

»Ich wollte, daß Harriet meine Partnerin wird, geschäftlich, wollte hier ausbauen, erweitern. Aber sie wollte nicht mitmachen.« Markby sah ihn ironisch an.

»Vielleicht hat sie Ihr Lebensstil abgeschreckt, Tom.«

»Vielleicht. Aber so wie alles gekommen ist, hätte sie es schlimmer treffen können, als bei mir einzusteigen, oder?« Die Hand auf dem Griff der Wagentür, hielt Markby inne.

»Wie meinen Sie das?« fragte er scharf.

»Ach, kommen Sie schon«, sagte Tom.

»Sie schnüffeln doch nicht sinnlos hier herum. Stellen mir einen Haufen Fragen – wo ich war, sie war, irgendwer war, irgendwas war … Sie denken, jemand hat Harriet diese Pillen heimlich gegeben, nicht wahr?«

»Ich weiß es nicht, Tom. Aber wir untersuchen die Sache.«

»Wenn das jemand getan hat«, erklärte Tom,

»dann hoffe ich um seinet- und um Ihretwillen, daß Sie ihn vor mir finden.«

»Keine Drohungen, Tom«, warnte Markby.

»Auch nicht vor mir. Ich muß davon Notiz nehmen.« Tom grinste unangenehm.

»Meine alte Granny wurde nicht auf dem Friedhof von Westerfield beerdigt, dort war nur der Gottesdienst. Sie liegt irgendwo da draußen auf dem Gemeindeland, niemand weiß, wo, außer den Leuten, die sie eingebettet haben. Wahrscheinlich wuchern längst Stechginster und Dornensträucher über dem Grab. Geboren auf dem Gemeindeland, begraben auf dem Gemeindeland. Dort ist noch viel Platz für ein zweites Grab. Sie würden es nie finden, Alan.«

Markby fuhr Tom nach Bamford, gab ihm seinen Wagenschlüssel und sah ihm nach, als er mit dem Mercedes davonpreschte. Auf der Station gab es eine Menge zu tun, aber keiner der Fälle ging ihn direkt etwas an, also verzog er sich leise wieder, bevor noch jemand merkte, daß er da war, und fuhr nach Hause.

Es war zwei Uhr. Beim Master würden sie eben mit dem Lunch fertig sein. Einem annehmbaren Lunch mit einem annehmbaren Wein und einem annehmbaren Port. Markby schaute in die Speisekammer, holte eine Dose mit in Tomatensoße gekochten Bohnen heraus und schob zwei Scheiben Brot in den Toaster. Er aß sein frugales Mahl, machte sich einen Becher Tee, ging ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Sport. Für Sport im Fernsehen hatte er nicht viel übrig. Das gnadenlose Geschwätz der Kommentatoren machte ihn ebenso fertig wie die langweiligen Vorträge der Experten und der meist sprachgestörten

»Stars«, die unterwürfigen Interviewern ihre Meinungen kundtaten. Er wechselte den Kanal. Wieder Sport. Pferderennen. Von Pferden hatte er für einen Tag genug, danke. Er schaltete den Apparat aus.

Im selben Moment klingelte es an der Haustür. Mit dem Teebecher in der Hand ging er vorsichtig darauf zu und öffnete.

»Hallo«, sagte Fran Needham-Burrell.

»Hab Sie in

Ihrem Bau aufgespürt. Störe ich?«

»Nein«, antwortete er einfältig.

»Darf ich also reinkommen?«

»Ja – ja, natürlich.« Markby riß sich zusammen

und trat zurück, um sie hereinzulassen.

»Geben Sie mir Ihren Mantel. Tut mir leid, daß ich so überrascht aussehe. Ich dachte, es sei meine Schwester Laura.«

Sie entledigte sich eines cremefarbenen Wollmantels. Er nahm ihn ihr ab, um ihn aufzuhängen, und bemerkte das noble Etikett im Futter. Kostete wahrscheinlich so viel, wie er im Monat verdiente.

»Hier hinein«, sagte er und öffnete die Wohnzimmertür.

»Ich trinke eben eine Tasse Tee …«

»Nicht für mich, besten Dank. Ich habe zuviel gegessen und zuviel getrunken. War eben bei Bungy und Charlotte zum Lunch.«

Bungy? Der Master? O Gott!

»Das hat er mir erzählt. Ich war heute vormittag dort, um ihm ein gutes neues Jahr zu wünschen.«

»Und das haben sie mir beide erzählt. Sie haben ihre Luncheinladung abgelehnt – warum? Weil ich kommen wollte?«

»Nein«, sagte er etwas zu heftig.

»Weil ich schon mit jemand anders verabredet war und nicht versprechen konnte, rechtzeitig zum Lunch zurück zu sein. Es war beruflich.«

»Ich verstehe.« Sie ließ sich auf dem Sofa nieder, kreuzte die Beine und klopfte mit einem Fuß, der in einem braunen Stiefel steckte, leicht auf den Boden. Sie trug eine Art Bauernrock, der gut zu den Stiefeln paßte, und das weizenblonde Haar war zu einem langen Zopf geflochten und wurde von einem orangefarbenen, zu einer Schleife gebundenen Tuch zusammengehalten.

»Ich dachte, Sie lunchen vielleicht irgendwo à deux

»Zufällig habe ich hier in der Küche Bohnen auf Toast gegessen.« Sie lachte ihr unglaublich wirkungsvolles kleines, kehliges Lachen.

»Wir hatten Schweinebraten mit Apfelsoße, wunderbar knusprige Bratkartoffeln und einen herrlichen Pudding, wie ich ihn nicht mehr gegessen habe, seit ich ein Kind war.«

»Sind Sie hergekommen, um mir den Mund wäßrig zu machen?« fragte Markby. Sie schüttelte den Kopf.

»Natürlich nicht. Ich hab mir gedacht, wir sollten miteinander reden. Sie haben mich doch gefragt, ob Harriet anonyme Briefe bekommen hatte – nun, Bungy hat einen bekommen. Einen zweiten, meine ich.«

»Hat er Ihnen das erzählt?« fragte Markby vorsichtig.

»Natürlich nicht. Das hat Charlotte getan. Machen Sie kein so überraschtes Gesicht. Ich weiß, daß sie nichts davon wissen soll, aber er ist einfach hoffnungslos, wenn er etwas geheimhalten will. Er tut so auffällig verstohlen, daß sie immer weiß, wenn irgendwas vorgeht, und sie hat ihre eigenen Methoden, herauszufinden, was das ist. Sie hat auch von dem ersten Brief gewußt.« Markby, der sich erinnerte, mit welcher Verschwörerstimme der Master am Telefon gesprochen hatte, seufzte. Die meisten Ehefrauen waren die geborenen Detektive.

»Ja, aber er möchte nicht, daß offen darüber geredet wird. Er denkt – und damit hat er nicht unrecht, finde ich –, daß sich, wenn es sich herumspricht, jemand dazu animiert fühlen könnte, selbst ein paar Briefe zu schreiben. Wir würden davon erdrückt wie von einer Lawine.«

»Hat das«, fragte Fran kühl,

»etwas mit Harriets Tod zu tun?« Markby antwortete nicht sofort.

»Das weiß ich nicht«, sagte er schließlich.

»Sie denken also tatsächlich, daß an der Art, wie Harriet starb, etwas verdächtig ist? Wegen dieser Pillen?«

»Ich denke, die Möglichkeit besteht, muß aber betonen, daß ich keinen Beweis habe und ganz bestimmt nichts, was ich einem Coroner oder meinen Vorgesetzten vorlegen könnte. Alles, was ich habe, sind die Aussagen der Leute, die Harriet kannten und zu denen auch Sie gehören, die übereinstimmend erklären, Harriet habe nie irgendwelche Pillen genommen. Wir können auch weder Fläschchen noch Packungen finden oder irgendeine Spur, woher sie das Zeug gehabt haben könnte. Ihr Hausarzt hat es ihr nicht verschrieben. Im Cottage ist nichts zu finden, und mein Sergeant hat den Hausmüll durchsucht und auch da keine weggeworfene Pakkung oder die Tüte eines Apothekers ausgegraben. Wir haben sogar in ihrem Wagen das Unterste zuoberst gekehrt – wieder Fehlanzeige. Es ist ein Rätsel, und ich mag keine Rätsel. Was die Briefe anbelangt – sie können überhaupt nichts damit zu tun haben. Und solange ich nicht mehr über das erfahre, was Harriet über Weihnachten unternommen und mit wem sie sich getroffen hat, werde ich nicht klüger sein.«

»Dann haben Sie ihren Freund noch nicht aufgespürt? Den, der am Weihnachtstag bei ihr war?«

»Nein. Wir haben jedoch eine Möglichkeit ausgeschlossen.«

»Sagen Sie nichts. Sie meinen den hübschen Zigeuner? Doch wer ihr die Pillen auch heimlich verabreicht hat – vorausgesetzt, jemand hat es getan, ich selbst bin nämlich geneigt zu glauben, sie hat sie freiwillig geschluckt –, er muß am Morgen des zweiten Weihnachtstages bei ihr gewesen sein, um es tun zu können.«

»Ja, sie hatte einen Frühstücksgast. Wir können auch ihn nicht finden.«

»War’s nicht derselbe?«

»Nicht unbedingt. Der Gast vom ersten Weihnachtstag ist spät nachts weggefahren. Er könnte natürlich wiedergekommen sein.«

»Wie lange«, fragte Fran in ihrer direkten Art,

»werden Sie sich mit dem Fall beschäftigen, bevor Sie ihn zu den Akten legen und vergessen?«

»Die gerichtliche Untersuchung wurde wegen der Feiertage verschoben. Sie ist für Freitag angesetzt. Wie die Dinge liegen, wird sie ziemlich routinemäßig ablaufen. Medizinischer Bericht. Augenzeugenberichte über den Unfallhergang. Ein Fragezeichen wegen der Pillen, aber nun, im Ivy Cottage gibt es einen offenen Kamin, sie könnte die Schachtel verbrannt haben. Und was den Zwischenfall auf dem Market Square anbelangt, ihr schlechter Gesundheitszustand hätte früher oder später zwangsläufig dazu geführt, daß sie vom Pferd fiel – und daß sie getrunken hat, ist bekannt. Ich fürchte, wir haben nicht genug, um das Urteil Tod durch Gewaltanwendung irgendwelcher Art zu erwirken. Um so weniger …« Er brach ab. Fran beendete den Satz für ihn:

»Mord durch eine oder mehrere unbekannte Personen? Wir sprechen doch jetzt über Mord, nicht wahr?«

»Das ist möglich.« Ihre seegrünen Augen blitzten ärgerlich.

»Ihr Beamten seid immer so verdammt vorsichtig. Sehe ich das richtig, wenn ich sage, falls Sie bis zum Freitag keinen konkreten Beweis erbringen können, dann war’s das? Dann wird Harriet begraben und vergessen.«

»Ich kann kein Haus bauen, wenn ich keine Steine habe, Frances.«

»Nein, das können Sie natürlich nicht.« Sie stampfte mit dem Stiefel heftig auf dem Teppich auf.

»Es ist möglich, daß man mit einem Mord ungeschoren davonkommt, nicht wahr? Es passiert dauernd.« Markby lächelte.

»Das kann niemand sagen, oder? Wenn kein Verdacht besteht …«

»Und selbst wenn einer besteht, wie jetzt? Ich weiß, daß es schon früher vorgekommen ist. Aber – das hat nichts mit diesem Fall zu tun …« Fran zuckte mit den Schultern.

»Ich bin nicht mit dem Auto da. Bin vom The Crossed Keys zum Master und hierher zu Fuß gegangen. Sie dürfen mir einen Drink anbieten.« Markby blinzelte.

»Aber gewiß. Mit Vergnügen.«

»Whisky, wenn Sie einen haben.« Während sie an ihrem Glas nippte, fragte sie mit einem boshaften Funkeln in den grünen Augen:

»Wo ist Meredith?«

»Zu Hause, nehme ich an.«

»Ganz allein? Sind Sie denn nicht besorgt – wegen Tom Fearon, meine ich? Ich an Ihrer Stelle wäre es.«

»Ich denke, sie mag den armen Tom nicht besonders. Keine Ahnung, was er ihr getan hat. Aber eigentlich sehe ich sie nicht gern allein dort draußen. Es ist sehr einsam.«

»Wieso sind Sie eigentlich miteinander befreundet? Ich meine, soviel ich weiß, hat sie immer im Ausland gearbeitet.«

»Wir haben uns anläßlich eines Falles kennengelernt – als sie das letzte Mal in England war.«

»Und sie wird weiterhin draußen in Pook’s Common wohnen und Sie hier?« Fran machte eine umfassende Handbewegung.

»Soll es nichts Dauerhafteres werden?« Er fühlte, daß er rot wurde.

»Wahrscheinlich bleibt alles so, wie es ist. Wir haben jedenfalls nicht vor, etwas zu ändern.«

»Fein. Ich weiß gern, wo die Grenzen sind, in jeder Situation. Dann hindert Sie also nichts daran, mich zum Dinner auszuführen?«

»Ich kann Sie mir nicht leisten«, sagte er und zahlte ihr mit gleicher Münze heim.

»Bei meinem Gehalt? Sie scherzen wohl?«

»Ach, kommen Sie schon! Wenn’s so schlimm um Sie steht, dann lade ich Sie ein.«

»Ich bin heute abend bereits zum Dinner verabredet.«

»Mit Meredith, nehme ich an. Nun, dann eben ein andermal. Ich bin noch bis Anfang nächster Woche im The Crossed Keys.« Sie kippte den Rest ihres Drinks und stand auf. Als er ihr in den Mantel half, sagte sie ernst:

»Sie wissen, ich verlasse mich auf Sie.«

»Ich tue mein Bestes. Aber im Moment haben wir nicht einmal ein Motiv. Das ist das Schlimmste.«

»Ich bin Harriets Haupterbin, abgesehen von ein paar Legaten an Tierschutzvereine. Ich wußte, ich würde erben, aber von mir hat sie die Pillen nicht bekommen – ich war in der Schweiz, beim Skifahren.« Ihre grünen Augen verspotteten ihn.

»Irgend etwas sagt mir, daß Sie gern gefährlich leben«, entgegnete er. Sie brach in Gelächter aus.

»Sie meinen, ich bin ein rechtes Miststück. Nun, danke für den Drink und die weisen Worte. Frohes neues Jahr.« Sie beugte sich vor. Eine Wolke teuren Parfüms hüllte ihn ein, warme Lippen drückten ihm einen Kuß auf die Wange.

»Vergessen Sie mich nicht. Tschüs.« Erleichtert schloß er die Tür hinter ihr. Allmählich wurde das Leben kompliziert. KAPITEL 9 Als Markby sie verlassen hatte, um zum Mietstall zu fahren, ging Meredith in die Küche und machte sich Kaffee. Sie nahm ihn mit ins Wohnzimmer, zündete das Gasfeuer an und griff zur Lokalzeitung, die sie am Tag vorher in Bamford gekauft, aber noch nicht gelesen hatte, weil sie nicht dazu gekommen war. Sie war ruhelos, und das war nicht nur auf die unvorhergesehenen Ereignisse seit ihrer Ankunft in Pook’s Common zurückzuführen. Mehr denn je war sie jetzt überzeugt, daß es ein Fehler gewesen war zurückzukommen. Sie hatte es befürchtet. Sie hätte es wissen müssen, als sie angekommen und Alans Willkommensgruß auf der Türmatte gefunden hatte. Alan hoffte natürlich, daß eines Tages – und das war nicht möglich. Sie wollte ihn nicht verletzen. Sie wollte wirklich nicht, daß ihre Freundschaft zu Ende ging. Aber tief im Innern hatte sie Angst davor, es könnte etwas

»Bedeutsameres« daraus werden, wie eine Briefkastentante sich wohl ausgedrückt hätte. Sie war einer weiteren Entwicklung nicht gewachsen. Aber nichts stand still, und ihre Freundschaft mit Alan konnte auch nicht viel länger stillstehen. Sie würde etwas dagegen tun müssen. Sie war fünfunddreißig, hatte immer allein gelebt, immer für sich selbst gesorgt. Es war zu spät, sie konnte sich nicht mehr ändern, nicht mehr binden. Aber sie wußte, daß das nicht stimmte. Natürlich konnte sie es. Leute heirateten noch viel später oder gingen dauerhafte Beziehungen ein und wurden glücklich. Doch es würde ihr Leben auf den Kopf stellen. Die größte Sorge bereitete ihr die Frage, wie lange sie noch den schicksalhaften Augenblick aufschieben konnte, in dem er ihr erklären würde, sie müsse sich entscheiden. Manche Leute hätten gesagt, das habe sie bereits getan – doch das traf nicht zu. Sie konnte sich nicht entscheiden. Aber wenn sie fair sein wollte, durfte sie den armen Mann nicht länger an der Nase herumführen. Mit so wenigen engen Freunden und ohne Familie würde sie nur höchst ungern eine Freundschaft abbrechen. Sie war, um ehrlich zu sein, einsam. Er war es auch, doch was er wollte, war ihr allzu konventionell – ein Heim, einen Garten, das traditionelle Leben mit Pfeife und Hauspantoffeln. Vielleicht war ihm das selbst nicht bewußt, doch Meredith sah es sehr klar. Sie mochte ihn – sehr sogar. Sie respektierte ihn.

»Aber ich bin nicht in ihn verliebt!« sagte sie laut. Oder war das alles nur ein Haufen Unsinn? Einige der besten und dauerhaftesten Beziehungen waren auf Vernunft, gegenseitigem Respekt und gleichen Interessen begründet. Liebe kam später von selbst. Einige der leidenschaftlichsten Beziehungen, andererseits, verglühten schnell und ließen nur Bedauern zurück. Und einige, wie jene anderen, die ihr Leben und ihr Denken so viele Jahre beherrscht hatten, blieben unerfüllt, waren am Ende unerfüllbar, vielleicht nicht mehr als eine Vergeudung von Zeit, Gefühl und Mühsal. Das war zu Ende, war vergangen, und erstaunlicherweise dachte sie nur noch selten daran. Blieb Alan. Sie mußte all das in den Griff kriegen, ehe es außer Kontrolle geriet. Heute abend – er kam heute abend und würde vermutlich irgendwohin essen gehen wollen – heute abend wollte sie es ihm sagen. Ihm unmißverständlich klarmachen, wo sie stand. Ihn von seinen Hoffnungen abbringen. Nachdem sie diesen Entschluß gefaßt hatte, war sie weit entfernt davon, sich wohler zu fühlen – sie fühlte sich wie ein Ungeheuer. Und auch so, als wolle sie etwas überstürzen. Meredith seufzte und schlug die Bamford Gazette auf. Harriet – ein großes Foto in der Mitte der Seite unter der Schlagzeile: Ortsansässige Reiterin fällt tragischem Unfall zum Opfer. Der Artikel schilderte die Ereignisse auf dem Market Square und in Kurzfassung die Geschichte der Bamford-Jagd, die bisher ungewöhnlich ereignislos verlaufen war. Erst einmal hatte sie eine Schlagzeile geliefert, die sich auf ein tragisches Ereignis bezog, und das war, als sich anno 1904 einige Hunde auf die Eisenbahngleise verirrt hatten. Meredith sah nach dem Datum der Zeitung. Die Bamford Gazette war ein Wochenblatt. Normalerweise erschien sie am Mittwoch, doch in diesem Jahr waren zwei gesetzliche Feiertage jeweils auf einen Mittwoch gefallen, daher war die Gazette schon am Dienstag herausgekommen. Der Unfall war am vergangenen Donnerstag passiert, deshalb wurde natürlich in dieser Ausgabe darüber berichtet, vom Standpunkt der Gazette aus war es noch immer eine heiße Nachricht. Sie wandte sich wieder Harriets Bild zu und betrachtete es. Es schien vergrößert und aus einem Gruppenfoto herausgenommen worden zu sein, bei irgendeiner Pferdeschau fotografiert, vermutlich einem lokalen Geschicklichkeitswettbewerb. Harriet trug eine Reitkappe und einen Reitrock. Das Haar hatte sie sich im Nacken zu einer Mähne zusammengebunden. Sie lachte und streckte die Hände aus, als wolle sie etwas entgegennehmen – einen Pokal? Dieser Teil des Bildes war abgeschnitten worden. Sie schien glücklich zu sein. Vor ihrem geistigen Auge sah Meredith die Gestalt taumelnd vom Pferd stürzen und auf das Pflaster prallen. Sie sah das Blut unter dem roten Haar hervorquellen, das blasse, starre Gesicht, die gebrochenen Augen. Obszön. Es war obszön. Der Tod war obszön. In Harriet war so viel Leben gewesen – von einer Sekunde zur anderen einfach sinnlos ausgelöscht. Meredith begann sich die Gestalten im Hintergrund genauer anzusehen. Ja, die Gazette hatte dieses Bild ihrem Archiv entnommen. Ein lokales Ereignis, jemand hatte irgendeine Trophäe überreicht, und die anderen Teilnehmer hatten sich versammelt, um zu applaudieren. Alle trugen Reitkleidung. Einen – Meredith hob die Zeitung dicht vor ihre Nase und kniff die Augen zusammen – kannte sie. Einen Mann, einen stämmigen Mann mit Reithut, der das oberste Drittel seines Gesichts abschnitt, und um die Sache noch schwieriger zu machen, verdeckte Harriet im Vordergrund die rechte Seite seiner Züge. Doch was sichtbar blieb, schien ihr bekannt, obwohl Meredith beim besten Willen nicht sagen konnte, wer es war. Jedenfalls war es nicht Tom Fearon. Toms dunkles, gutaussehendes Gesicht war auch in einer Menge nicht zu verkennen. Meredith warf die Zeitung beiseite. Wenn sie hier sitzen bliebe, würde sie diese Sache, zusammen mit ihren anderen Sorgen, in eine tiefe Depression stürzen. Sie mußte unbedingt an die frische Luft. Sie holte den Anorak, schlüpfte in ein Paar Stiefel und ging ins Freie. An der Pforte zögerte sie einen Moment – wohin? Das Gemeindeland – so düster und furchteinflößend es zu sein schien, als sie sich kürzlich bis zum Rand vorgewagt hatte – mußte noch erforscht werden. Also auf ins Gemeindeland. Um dahin zu gelangen, mußte sie am Reitstall vorbei. Alan Markbys Wagen parkte noch unter dem Schild, aber im Hof war niemand. Wieder zögerte Meredith und horchte, ob sie im Zorn erhobene Männerstimmen hörte. Doch alles blieb still. Wahrscheinlich waren sie in Toms baufälligem Bungalow hinter dem Stallhof. Und da Männer gegenseitig zu größerer Toleranz bereit waren als manchmal Frauen untereinander, hatten sie vermutlich die Auseinandersetzung vom vergangenen Abend und Toms Benehmen im Bunch of Grapes bereits vergessen – ganz zu schweigen von ihrem und Markbys ruiniertem Silvesterabend – und saßen mit Bierdosen in Toms Wohnzimmer. Männer! Am Abend vorher wäre Alan um ein Haar weggefahren und hätte sie vor dem Pub stehenlassen. Er war völlig darauf konzentriert gewesen, Tom sicher nach Hause zu bringen, und sie war zu unter

»ferner liefen« degradiert worden. Sie nehmen uns für selbstverständlich, das ist es, dachte Meredith, jetzt ohne jeden vernünftigen Grund verärgert, obwohl sie es am Abend vorher recht gelassen hingenommen hatte. Harriet hatte recht gehabt, als sie sagte, man dürfe Tom nie die Oberhand lassen, nur hätte sie sagen müssen, man dürfe den Männern nie die Oberhand lassen. Man endete da, wo Geoffrey Haynes und die arme Lucy waren. Behalte deine Unabhängigkeit, Meredith. In diese wortlose Schmährede versunken, hatte sie die Grenze des Gemeindelandes erreicht, ohne es zu merken, und blieb jetzt, die Hände in den Taschen, abrupt stehen. Was für eine Wüstenei. Vielleicht war es hier im Sommer hübscher und einladender. Jetzt sah es aus wie die Szenerie eines Viktorianischen Melodrams, irgendwie unbestimmbar unheilvoll und finster. Vielleicht aber waren die Gefühle, die es weckte, viel älter, reichten tief hinunter in ein unbewußtes Erbe von Volksmärchen und Sagen. Geschichten von Hexensabbaten und Halloween-Nächten und Kadavern, die im Mondschein an Galgen ächzten.

»Hör auf damit!« schalt Meredith sich laut. Wenn sie sich erlaubte, weiter so zu denken, würde sie auf dem Absatz kehrtmachen und nach Hause rennen. Energisch ging sie weiter. Ungehindert pfiff der Wind über die flache Heide. Das Gras unter Merediths Füßen war bräunlichgrün, die Sträucher und Bäume fast unbelaubt und häßlich. Sie stellte fest, daß sie einem schmalen Reitweg folgte – einem richtigen Reitweg, denn im weichen Boden waren deutlich Hufabdrücke zu sehen. Tom Fearon ritt wohl häufig hier, nach der Anzahl der Spuren zu schließen. Auch Harriet mußte hier geritten sein, manchmal mit Tom, manchmal allein. Aber Harriet hätte sich nicht mit abergläubischen Phantasien selbst Angst eingejagt. Meredith ging weiter. Allmählich verschwanden die Dächer von Pook’s Common aus ihrem Blickfeld. Sie hätte auf dem Mond sein können, so einsam, so kahl, so unberührt war es hier. Ab und zu markierten kleine Fellstückchen oder Federn den Platz, an dem ein vierbeiniger Räuber sich seiner Beute bemächtigt hatte. Nach einer Weile wurde der Boden unter ihren Füßen matschig, und sie war froh, daß sie Stiefel trug. Dann hörte sie Wasser fließen und kam an einen schmalen, brackigen Bach, der das Gemeindeland in ostwestlicher Richtung teilte. Rechter Hand markierte eine Baumreihe den Anfang einer Koniferenpflanzung – Eindringlinge, die nicht hierhergehörten –, und an den matschigen Ufern des Baches selbst sah man mehrere kleine, scharf eingeprägte gespaltene Hufe. Keine Kobolde. Keine Geisterpferde, sondern Wild. Es lauerte wohl unter den Bäumen und kam am frühen Morgen heraus, um auf dem Gemeindeland Nahrung zu suchen, knabberte an den spärlichen Sträuchern und Bäumen und an dem rauhen, kargen Gras. Weit genug für einen Tag, dachte Meredith. Sie fühlte sich jetzt besser. Sie hatte ihre Furcht vor dem Gemeindeland überwunden und für den Augenblick ihre Sorgen verjagt. Sie drehte sich um. Hinter ihr stand ein Mann, und Meredith schrie unwillkürlich auf. Mit ausgestreckter Hand kam er auf sie zu und rief:

»Es tut mir so leid! Bitte verzeihen Sie! Ich wollte Sie nicht erschrecken. Wollte Sie eben rufen, um Sie auf mich aufmerksam zu machen – aber Sie haben sich plötzlich umgedreht …« Es war Colin Deanes in seinem pelzbesetzten Parka. In seiner Brille spiegelte sich das blasse Sonnenlicht, so daß sie seine Augen nicht sehen konnte. Er lächelte ängstlich, den Kopf vorgeneigt, als wolle er sich kurzsichtig überzeugen, daß sie akzeptierte, was er sagte.

»Oh, Mr. Deanes«, sagte sie,

»ich hätte nicht gedacht, daß außer mir noch jemand hier draußen ist.« Er lächelte.

»Ja, es ist einsam hier. Wie ich sehe, wissen Sie, wer ich bin – und ich weiß, daß Sie eine Freundin von Inspektor Markby sind, doch Ihren Namen weiß ich leider nicht.«

»Meredith Mitchell.« Sie schüttelten sich förmlich die Hände.

»Ich wohne dort drüben … In Pook’s Common.«

»Ach, tatsächlich? Schon lange? Ich muß gestehen, daß ich’s nicht kenne, außer dem Namen nach.«

»Es ist ein sehr kleiner Ort. Nur ein halbes Dutzend Cottages, eine Reparaturwerkstatt und einige Gemeindehäuser an der Hauptstraße. Oh, und der Stall. Ich bin noch nicht lange hier, seit zwei Wochen etwa.«

»Ich wohne da drüben …« Er zeigte an ihr vorbei, tiefer in das Gemeindeland hinein.

»Das Haus ist verfallen, aber ich konnte es extrem billig mieten, um mein Buch zu schreiben.«

»Hier draußen wird man nicht gestört, stelle ich mir vor, es ist ein guter Ort«, sagte sie. Er lachte leise.

»Stimmt. Tatsächlich ist mein Haus aber nicht so abgelegen, wie es von hier aus den Anschein hat. Aus dieser Richtung hat man keinen direkten Zugang. Aber auf der anderen Seite gibt es eine unbefestigte Straße, die nach ungefähr einer halben Meile beim Black-Dog-Pub auf die Asphaltstraße stößt – da, wo ich Sie mit Markby gesehen habe.«

»O ja, ich verstehe. Ich hatte den Eindruck, daß Alan von Pook’s Common einen Riesenumweg mit mir fuhr.«

»Ja, und das mußte er auch. Es gibt keine Straßen durch das Gemeindeland, und um auf die andere Seite zu kommen, muß man ganz drum herumfahren. Es ist ein uraltes Stück freien Landes. Und wegen seiner Fauna und Flora sehr bemerkenswert.«

»Das kann ich kaum glauben«, sagte sie und betrachtete die Wüstenei. Deanes lachte wieder.

»Sie müßten Dr. Krasny kennenlernen. Er hat irgend etwas mit der Universität zu tun, und letzten Sommer habe ich ihn ein paarmal zufällig hier draußen getroffen. Er schien den Namen eines jeden Grashalms zu kennen. Ich vermute, er kam hier raus, um Pflanzen und Informationen für seine Arbeit zu sammeln. Hab ihn immer nur gebückt herumkriechen sehen und konnte mir zuerst überhaupt nicht vorstellen, was er machte. Dann lernte ich ihn immer besser kennen, er besuchte mich ab und zu auf eine Tasse Tee und berichtete mir, was er auf seinen Streifzügen entdeckte. Gewöhnlich gehe ich nicht in diese Richtung – sondern in die andere und lande schließlich im Black Dog. Im Sommer ist es hier schöner, sehr hübsch sogar an sonnigen Tagen.«

»Wie kommen Sie mit Ihrem Buch voran?«

»Ach, das ist schon seit einiger Zeit fertig, das habe ich hinter mir. Schauen Sie sich in den Buchhandlungen danach um. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, um für meine Bücher zu werben.« Wieder lächelte er nervös.

»In einem gewissen Sinn lebe ich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen hier, obwohl ich angefangen habe, mir Notizen zusammenzustellen, die ich, wie ich hoffe, in meinem nächsten Buch verwenden kann. Ich habe das Haus bis zum Frühjahr gemietet, also bin ich geblieben. Es gefällt mir hier unten. Und ich bin in ein oder zwei lokale Probleme verwickelt.« Er warf ihr einen Blick zu, in dem sich Herausforderung und Nervosität mischten.

»Ich weiß, daß das, was ich versuche, nicht immer populär ist. Die Menschen verstehen mich oft nicht, und sehr oft – sosehr ich bedaure, das sagen zu müssen – versteht mich auch die Polizei nicht.«

»Ach …«, sagte Meredith verlegen.

»Es gibt Dinge, die populär und akzeptabel sind«, fuhr Deanes fort.

»Andere sind es nicht. Manchmal wecken die weiter entfernten größere Teilnahme als die näheren, aus dem einfachen Grund, weil man die näheren unmittelbar vor Augen hat und die Unzulänglichkeiten nur allzu sichtbar sind. Sie waren gestern nacht auch im Bunch of Grapes, nicht wahr?«

»Ja, ich war da. Sie sprechen von diesem Pardy, nehme ich an.«

»Ja – kein anziehender junger Mann, das gebe ich zu. Das sind sie nie. Sie haben Probleme, und eines davon ist die Tatsache, daß sie sich der Welt so unleidlich präsentieren. Wenn sie ein berechtigtes Anliegen haben, wissen sie nicht, wie sie es vorbringen sollen. Man ist ihnen gegenüber weder großzügig, noch verzeiht man ihnen. Sie verteidigen sich schlecht. Sind aggressiv, wenn sie verbindlich sein sollten. Sie beleidigen grundlos. Pardy ist da keine Ausnahme, sondern ziemlich typisch. Er steht auf dem Standpunkt, daß er damit leben kann, wenn die Welt ihn nicht mag. Aber er kann es natürlich nicht. Er ist so jung. Erst zwanzig.«

»Das ist jung, zugegeben. Doch er hat sich kriminell aufgeführt, oder? Ich spreche von dem Zwischenfall auf dem Market Square am zweiten Weihnachtstag. Ich war dort – ich habe gesehen, wie es passierte.«

»Ach ja?« Deanes schob, wie es seine Gewohnheit schien, die Brille ein Stückchen die Nase hinauf.

»Ich war nicht dort. Dadurch bin ich Ihnen gegenüber im Nachteil – aber ich war einige Zeit mit Simon zusammen. Unter dem frechen Äußeren ist er ein trauriger, konfuser, einsamer Mensch.« Wir alle sind traurig, konfus und einsam, dachte Meredith. Einige werden nur besser damit fertig als die anderen, das ist alles.

»Er hätte nicht sagen dürfen, was er gestern nacht im Pub gesagt hat. Er hat den Ärger herausgefordert.«

»Das tut er – er fordert Schwierigkeiten heraus«, sagte Deanes lebhaft.

»Genau das ist es! Er sucht die Schwierigkeiten geradezu, und er findet sie. Dann wird er noch introvertierter, noch mehr verbittert. Wir müssen ihn davon abbringen. Im Grunde ist er ein intelligenter junger Mann, und im Moment wirft er sein Leben weg.« Meredith musterte ihn nachdenklich. Seine Wangen waren gerötet. Die Augen hinter den Brillengläsern glänzten, und in seinem Gesicht, in seiner Stimme war eine Eindringlichkeit, die man nicht ignorieren konnte. Es liegt ihm daran, dachte sie. Ihm liegt wirklich etwas daran. Sie sagte bedächtig:

»Sie müssen wohl eine Menge Fehlschläge einstecken. Werden Sie dadurch nie entmutigt?« Deanes schnitt eine Grimasse.

»Ich würde lügen, wenn ich jetzt nein sagte. Natürlich verliere ich auch den Mut. Aber die Erfolge entschädigen mich mehr als genug. Man muß den Kreislauf unterbrechen. Das Schlimmste, das Pardy zustoßen könnte, wäre ein Haftstrafe, in welcher Form auch immer. Er käme dabei mit Menschen zusammen, die die schlimmsten Seiten aus ihm herausholen würden. Er wäre für immer verloren.«

»Es mag Leute geben, die nicht Ihrer Meinung sind.«

»Sie arbeiten nicht mit den Jugendlichen«, sagte Deanes leidenschaftlich.

»Sie wissen nichts.« Er schien zu merken, wie heftig seine Stimme klang, und machte ein verlegenes Gesicht.

»Verzeihen Sie mir, daß ich Sie mit meinen Ansichten langweile. Ich fürchte, ich kann nicht anders.«

»Das ist schon in Ordnung. Ich bin interessiert, und ich freue mich, daß wir uns getroffen haben«, sagte Meredith aufrichtig. Deanes lächelte entspannter und sah plötzlich recht attraktiv aus. Es ist die Brille, dachte Meredith, zusammen mit der ernsten Miene und den nervösen Ticks, die ihn unscheinbar aussehen lassen. In Wirklichkeit sieht er gar nicht schlecht aus, und er ist auch nicht so alt. Jünger, als ich zuerst dachte. Neununddreißig? Vierzig? Älter bestimmt nicht.

»Ich muß zurück«, sagte sie.

»Wir sehen uns bestimmt noch.«

»Ja, das hoffe ich.« Er zögerte.

»Wenn Sie wieder in die Gegend kommen, gehen Sie einfach noch ein Stückchen weiter und besuchen Sie mich auf eine Tasse Kaffee. Tagsüber bin ich meistens zu Hause.«

»Ich komme gern, danke und – frohes neues Jahr.«

»Oh, das vergesse ich ständig …« Wieder schnitt er eine Grimasse.

»Frohes neues Jahr!« Als sie auf dem Heimweg an den Stallungen vorüberkam, war Markbys Wagen nicht mehr da. Er hatte Tom nach Bamford mitgenommen. Meredith zögerte, stieß dann die Gattertür zum Stallhof auf und ging hinein. Blazer streckte den Kopf über die Boxentür und wieherte leise.

»Hallo, alter Junge«, sagte sie und streichelte ihm die Nüstern. Er stieß ihr den Kopf an die Brust und schnaubte.

»Ich hab dir nichts mitgebracht, tut mir leid. Du vermißt sie, nicht wahr?« Blazer warf den Kopf zurück und schien heftig zu nicken.

»Ich wünschte, du könntest sprechen«, sagte sie.

»Wahrscheinlich könntest du uns eine Menge von dem sagen, was wir gern wüßten.« Sie klopfte ihm ein letztes Mal den Hals und setzte dann ihren Weg fort. Als Alan am Abend kam, hatte sie sich noch immer nicht entschieden, was sie zu ihm sagen wollte, doch er kam ihr zuvor.

»Es ist so schwierig, heute ein Lokal zu finden – die meisten sind geschlossen, weil sie gestern so lange geöffnet hatten. Aber auf der Straße nach Cherton gibt es ein kleines italienisches Restaurant, das offen hat. Ich habe dort einen Tisch bestellt, ich hoffe, es ist Ihnen recht?«

»O ja«, sagte sie nachgiebig. Vielleicht war es ohnehin besser, auf neutralem Boden zu sagen, was zu sagen war. Das Restaurant profitierte davon, daß es eines der wenigen war, die geöffnet hatten. Es war voll, und einen Tisch zu bestellen war ganz offensichtlich wirklich nötig gewesen.

»Wie geht es Tom?« fragte Meredith, als sie die Gabel in den dampfenden Teller mit Tagliatelle al forno versenkte.

»Er wird keine Schwierigkeiten mehr machen.«

»Sie scheinen ja sehr überzeugt.« Markby verzog das Gesicht.

»Sagen wir so, ich bin ziemlich zuversichtlich, daß er keine mehr machen wird.« Meredith nippte an ihrem Wein und spähte über den Rand des Glases zu ihrem Begleiter hinüber. Sie hatte das Gefühl, dieses Gesicht schon so gut zu kennen, all die kleinen Fältchen und Runzeln, den widerspenstigen blonden Schopf. Es würde nicht leicht sein. Es würde der reinste Mord sein. Ein unglückliches Wort. Sie suchte nach einem richtigen Anfang, gab das Thema im letzten Moment auf und sagte statt dessen:

»Ich habe heute Colin Deanes auf dem Gemeindeland getroffen.«

»Ach, wirklich?« Er sah überrascht und wenig erfreut aus.

»Ja, gucken Sie nicht so finster. Er ist wirklich ein sehr netter Mann. Er hat einen Tick, aber mehr nicht. Vieles von dem, was er sagt, ist sehr vernünftig.«

»Ich habe nie behauptet, daß es das nicht ist. Nur – wie er es sagt, regt mich auf. Aber wollen wir wirklich über ihn reden?«

»Nein – das wollen wir nicht.« Zeit, das Problem mutig anzupacken. Meredith legte die Gabel aus der Hand. Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte die Fingerspitzen wie im Gebet aneinander, wobei sie ihn eindringlich ansah.

»Alan, es gibt da etwas, das ich Ihnen sagen muß. Es ist sehr kompliziert, und ich bin sicher, ich werde es nicht richtig sagen. Wie Deanes werde ich es falsch formulieren, und Sie werden gekränkt sein. Die Sache ist – ich – wir – ich denke nicht, daß unsere Beziehung sich zu etwas anderem entwickeln kann, sie muß bleiben, wie sie jetzt ist.« Sie wartete ab, was er sagen würde, hoffte, er werde verständnisvoll nicken. Er tat es nicht.

»Sprechen Sie weiter«, sagte er ausdruckslos.

»Ich schätze Ihre Freundschaft, wirklich. Ich bin gern mit Ihnen zusammen. Ich mag Sie – oh, das ist schrecklich. Alan, vielleicht irre ich mich, aber ich habe das Gefühl, daß Sie hoffen, wir – nun ja, wir könnten uns eines Tages viel näherkommen.«

»Angenommen, Sie haben recht. Ist das so furchtbar? Hören Sie, Meredith« – er beugte sich vor –,

»ich habe Ihnen schon am Anfang gesagt – als Sie das letzte Mal in England waren –, daß ich bereit bin, zu warten …«

»Ja, das weiß ich, und gewartet haben Sie. Doch niemand wartet ewig. Sie werden es nicht tun – Sie werden des Wartens überdrüssig werden.«

»Erlauben Sie mir bitte zu entscheiden, wann es soweit ist«, sagte er verärgert.

»Wissen Sie, ich glaube, Sie brauchen eine richtige Ehefrau«, stürzte Meredith sich auf den Kern der Sache. Was hatte es denn für einen Sinn, wie die Katze um den heißen Brei herumzuschleichen?

»Und die kann ich nicht sein. Das schaffe ich ganz einfach nicht.«

»Ich war verheiratet«, fauchte er.

»Es war eine absolute Katastrophe.«

»Wahrscheinlich, weil sie die falsche Frau geheiratet hatten, und wenn Sie sich mit mir auf Dauer zusammentäten – egal, in welcher Form –, würden Sie Ihren Fehler nur wiederholen. Ich bin die falsche Frau.«

»Hören Sie«, flüsterte er zischend und warf einen Blick zum Nebentisch,

»hier ist nicht der richtige Ort …«

»Wo ist er dann?«

»Na schön. In dem, was Sie gesagt haben, gibt es zwei Punkte, die beantwortet werden müssen. Erstens, es war nicht Rachels Schuld, daß unsere Ehe in die Brüche ging. Ich war’s, der sie zum Wahnsinn getrieben hat. Mit einem Polizisten verheiratet zu sein ist schwierig, und sie hat es einfach nicht ertragen, sie war auch nicht die erste. Viele Polizistenehen scheitern.« Und sie hat sich ein anderes Leben gewünscht, erinnerte er sich. Partys, ihre Freunde, einen Terminkalender voller gesellschaftlicher Verpflichtungen. Und er hatte sich immer gedrückt, Arbeit vorgeschützt, seine Freizeit mit Gartenarbeit verbringen wollen, hatte sie blamiert, wenn sie Freunde eingeladen hatte und er in alten Sachen hereingeplatzt war. Er verdrängte die Erinnerungen.

»Zweitens, ich weiß, was für eine Frau ich will. Ich will Sie.«

»Sehen Sie? Da haben wir’s. Jetzt haben Sie’s gesagt. O Alan, es schmeichelt mir natürlich …«

»Es ist nicht als Schmeichelei gedacht«, knurrte er wütend. Die Frau am Nebentisch warf ihm einen erschrockenen Blick zu. Sie beugte sich vor und flüsterte mit ihrem Begleiter, der Meredith jetzt auch verstohlen von der Seite her ansah.

»Sie wissen, was ich meine. Ich wünschte, ich hätte nicht damit angefangen.«

»Warum haben Sie’s dann getan?«

»Weil ich versuche, fair zu Ihnen zu sein.« Der Mann am Nebentisch begegnete ihrem Blick. Es war kein freundlicher Blick. Er schlug sich auf die Seite des angegriffenen männlichen Wesens am Nebentisch.

»Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, sagte Meredith böse.

»Wie bitte?« rief die Begleiterin des Mannes entrüstet. Mit ihrem Verständnis für die Mitschwester war es vorbei, der Instinkt, ihrem Mann beizuspringen, überwog.

»Meredith«, sagte Markby gepeinigt,

»es ist ja gut.« Er lächelte dem anderen Paar beschwichtigend zu. Von einem unbehaglichen Schweigen umgeben, aßen sie entschlossen weiter, wußten das ausgezeichnete Essen aber nicht zu würdigen. Meredith betrachtete Markby unauffällig. Er sah unglücklich aus. Das war ihre Schuld.

»Ich wollte keine Szene machen –«, begann sie flüsternd.

»Ich habe nur versucht, Ihnen zu sagen, was ich denke.«

»Das haben Sie nicht.«

»Was?« Sie starrte ihn verblüfft an. Markby legte Messer und Gabel aus der Hand und sah sie mit grimmiger Miene sehr direkt an.

»Sie haben mir gesagt, was Harriet dachte. Ich sehe Sie, aber ich höre Harriet Needham. Vor ein paar Tagen waren Sie ganz durcheinander, weil Sie nicht kochen können wie sie. Jetzt haben Sie das Gefühl, ihren Lebensstil imitieren zu müssen.«

»Das ist nicht wahr!« Fassungslos schnappte sie nach Luft.

»Wirklich?« Der Kellner kam auf sie zu. Wird er uns auffordern, das Lokal zu verlassen? dachte Meredith. Er beugte sich über Markbys Schulter.

»Ein Anruf für Sie, Sir.« Markby stöhnte und warf die Serviette auf den Tisch.

»Ich habe für dringende Notfälle diese Nummer hinterlassen. Entschuldigen Sie, Meredith, ich muß mich melden.« Vielleicht waren sie jedoch beide froh über die Störung. Allein am Tisch zurückgeblieben, sah Meredith sich den forschenden Blicken des Paares vom Nebentisch ausgesetzt. Die Frau sah beleidigt aus, der Mann streitsüchtig. Ich habe uns den Abend verdorben und ihnen auch, dachte Meredith. Sobald sie draußen sind, werden sie wegen nichts und wieder nichts wütend aufeinander losfahren. Markby kam zurück. Er sah nicht mehr verärgert, sondern sachlich aus, und man merkte ihm an, daß er kaum noch an ihr Gespräch von vorhin dachte. Er bückte sich und sagte ihr ins Ohr:

»Ich muß sofort ins Hotel The Crossed Keys. Fran Needham-Burrell ist überfallen worden.«

»Was?« Erschrocken blickte Meredith zu ihm auf, und alles andere war vergessen.

»Ist sie verletzt?« Sie sprang auf und griff nach ihrer Umhängetasche.

»Ich komme mit.«

Im Crossed Keys herrschte ein heilloses Durcheinander. Vor dem Hoteleingang stand ein uniformierter Polizist. Leute, die in die Bar wollten, schoben sich vorsichtig an ihm vorbei. Ein flott gekleideter Sergeant Pearce lehnte schlaff und untröstlich am Empfangspult, offensichtlich von einer Neujahrsfete weggezerrt, und der Manager stand händeringend in der Mitte der Lobby. Nie zuvor hatte Meredith das jemanden tun sehen – nur davon gelesen –, doch er tat es – er rang die Hände. Er kam ihr unnatürlich blaß vor – aber das war vermutlich der Streß. Ein doppelter Streß. Einerseits wollte er die Wogen glätten, und andererseits sollten die Gäste der öffentlichen Bar und des Hotels nicht erfahren, was geschehen war. Als Pearce Markby erblickte, straffte er sich und sagte lebhaft:

»Guten Abend, Sir. Tut mir leid, daß ich Ihnen den Abend verderben mußte, aber ich dachte, daß Sie gern Bescheid wissen würden.« Er entdeckte Meredith und fügte hinzu:

»Guten Abend, Ma’am«, was ihr sehr förmlich vorkam und ihr das Gefühl gab, die Gattin des Colonels zu sein.

»Tut mir leid.«

»Schon gut, Sergeant Pearce«, sagte sie und bemühte sich, nicht von oben herab zu sprechen.

»So was kommt schon mal vor.« Blöde Bemerkung. Aber bei einem Polizisten kam so etwas schon mal vor. Auch bei Konsulatsbeamten. Dadurch wurde der Streß nicht geringer.

»Wo ist sie?« fragte Markby.

Der Manager stürzte vorwärts.

»Die Lady ist mit Dr. Pringle oben. Ich wollte einen Krankenwagen kommen lassen, aber davon wollte sie nichts hören. Sie wollte nur Dr. Pringle sehen. Die Lady hat einen sehr starken Willen. Doch ich weiß natürlich, daß ich eigentlich hätte um einen Krankenwagen schikken müssen, wegen der Versicherung. Wir müssen uns selbst auch absichern und …«

Grob unterbrach Markby die Schilderung seines Dilemmas.

»Mit Ihnen spreche ich später.« Pearce und Meredith dicht auf den Fersen, rannte er die Personaltreppe hinauf. Die Tür von Nummer 20 stand offen. Vom Türrahmen eingerahmt, sahen sie wie auf einem jener alten viktorianischen Bilder, die eine Geschichte erzählen, Fran auf einem Stuhl sitzen und Jack Pringle über sie gebeugt. Vorsichtig befestigte er mit Heftpflaster einen Gazebausch auf ihrer Stirn, und sie sagte ziemlich schroff:

»Passen Sie auf mein Haar auf, Jack.« Meredith war erleichtert. Sie war nicht schwer verletzt. Fran blickte auf und sah sie. Sie warf ihnen ein schiefes Lächeln zu und sagte:

»Ah, Besuch! Tut mir leid, daß ich so in Ihren Abend reingeplatzt bin. Ich hoffe, ich habe nichts Vielversprechendes ruiniert.«

»Haben Sie nicht«, sagte Markby mit – wie Meredith fand – unnötiger Offenheit. Er ging zu Fran, beugte sich über sie, und Meredith schaute sich neugierig im Raum um. Die Birne in der Deckenlampe war schwach, so daß alles wie hinter einem orangefarbenen Nebel lag. Das Zimmer stellte etwas ganz anderes dar als das, woran Fran gewöhnt sein mußte. Sie war aus dem Luxus von Klosters ins Crossed Keys gekommen, und einen größeren Unterschied konnte es kaum geben. Zimmer 20 war ausreichend, aber mehr auch nicht. Es hätte dringend renoviert werden müssen. Die Tapete war ausgebleicht, und die Möbel sahen aus wie jene, die nach dem Krieg gegen Bezugscheine verkauft worden waren. Auf einem Toilettentisch lag offen ein Dokumentenkoffer, dessen Inhalt herausgerissen und wie Kraut und Rüben verstreut war. An der Wand hing ein ziemlich scheußliches Bild, das eine Reihe von Kindern zeigte, die alle in einem Bett schliefen, mit Gesichtern, von denen eins grotesker war als das andere, und vor Merediths Füßen lag eine häßliche Glasvase. Automatisch bückte sie sich, um sie aufzuheben. Markbys Stimme hinderte sie daran.

»Liegenlassen!« befahl er scharf. Sie wurde rot und richtete sich auf.

»Entschuldigung.« Wie dämlich – offensichtlich war das die Tatwaffe. Pringle sagte verärgert:

»Sie hat einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen und braucht niemanden, der ihr noch zusetzt. Hat das nicht bis morgen Zeit?«

»Es geht schon, Jack, machen Sie kein Theater«, sagte Fran. Daß sie ahnungslos die Worte ihrer Cousine wiederholte, erschreckte Meredith. Auch Pringle sah zuerst bestürzt und dann erregt aus. Markby hatte sich einen Stuhl herangezogen.

»Los, Fran, erzählen Sie.«

»Nun, da ich niemanden hatte, der mir beim Abendessen Gesellschaft leistete«, sagte Fran auf eine Merediths Meinung nach irgendwie zweideutige Weise, deren tieferen Sinn sie jedoch nicht sofort verstand,

»dachte ich mir, daß ich wohl am besten unten im Restaurant essen sollte. Sehr hungrig war ich nicht, weil Charlotte einen so riesigen Lunch gekocht hatte. Ich ging hinunter …«

»Haben Sie die Tür abgesperrt?«

»Ja – ja, habe ich. Obwohl ich weder Schmuck oder andere Wertsachen bei mir habe. Ich ging also hinunter und fing an zu essen, aber das Essen war nicht sehr gut, und wie ich schon gesagt habe, war ich nicht besonders hungrig. Ich hab es mir also mitten im Essen anders überlegt, sagte ihnen, sie sollten abräumen, und bin wieder heraufgegangen.«

»Über welche Treppe?«

»Die Haupttreppe natürlich. Sie ist der Tür zum Speisesaal am nächsten. Ich hab an dies und das gedacht und eigentlich auf gar nichts geachtet. Die Flurbeleuchtung ist ziemlich armselig. Mir ist nichts aufgefallen, bis ich die Hand auf die Türklinke legte. Die Tür ging nämlich auf. Das ist aber komisch, dachte ich – machte einen Schritt ins Zimmer und streckte die Hand nach dem Lichtschalter aus – und da hat er mich aus dem Nichts angesprungen. Nun, natürlich nicht aus dem Nichts, sondern von irgendwoher – er muß sich flach an die Wand gedrückt haben, als er mich kommen hörte. Dann schlug er mit etwas Hartem zu. Ich fiel der Länge nach auf den Teppich, und er war weg – verschwunden. Sein Gesicht habe ich nicht gesehen. Ich kann Ihnen nichts über ihn sagen. Und ich bin nicht verletzt, trotz des Riesenstücks Gaze, das Jack mir auf den Kopf gepappt hat. Ich bin nur überrascht und sehr wütend.«

»Ich verstehe.« Markby stand auf.

»Wahrscheinlich ein kleiner Dieb. Konnten Sie schon nachsehen, ob irgend etwas fehlt?«

»Ich habe nichts. Die Handtasche mit meinem ganzen Geld und allen Kreditkarten hatte ich mit hinuntergenommen. Hier oben waren nur meine Nachtsachen und mein Dokumentenkoffer mit allen Papieren, Harriets Besitz betreffend. Dort drüben …« Fran drehte sich zu schnell um und schnitt eine Grimasse.

»Langsam«, warnte Pringle und legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Auf dem Toilettentisch. Er hatte sich ihn gerade vorgenommen, wie Sie sehen. Aber es ist nichts drin, was einen Dieb auch nur annähernd interessieren könnte. Keine Wertsachen. Nur Harriets Papiere und meine gesamte Korrespondenz, die, wie Sie selbst wissen, bei einem Todesfall beträchtlich ist.« Markby wandte sich zu Pearce um.

»Nehmen Sie die Vase in Verwahrung. Passen Sie beim Aufheben auf, es könnten Fingerabdrücke drauf sein – obwohl heutzutage alle schon Handschuhe tragen. Trotzdem – vielleicht haben wir Glück. Doch wahrscheinlich war es nur irgendein Rowdy aus der öffentlichen Bar, der Miss Needham-Burrell zum Abendessen gehen sah und dachte, das wäre möglicherweise eine Chance für ihn.«

»Woher wußte er, daß das mein Zimmer ist?« fragte Fran logisch.

»Stimmt. Vielleicht hat er es auch bei anderen Türen versucht und nur diese aufbekommen.« Markby ging zur Tür hinüber. Dort stand er unmittelbar neben Meredith, nahm jedoch keine Notiz von ihr. Süßsauer lächelnd stellte sie fest, daß sie, wie bei der Sache mit Tom im Bunch of Grapes, für ihn unsichtbar geworden war. Das zeigt mir, wohin ich gehöre, dachte sie. Und sie hatte sich eingebildet, daß er an unerwiderter Liebe zu ihr litt. Was für ein Irrtum. Seine Arbeit war seine große Liebe. Und ein Haufen Pflanzen waren seine zweite. Kein Wunder, daß seine Frau sich von ihm hatte scheiden lassen. Markby studierte die Tür und ihre Umgebung.

»Alt«, sagte er zu Pearce.

»Verzogen. Die Tür paßt nicht mehr in den Rahmen, stellenweise muß es Lücken von einem halben Zoll geben. Selbst wenn sie abgesperrt war, hätte der Riegel nicht einrasten können. Ein heftiger Stoß, und das Schloß springt auf. Es gäbe nicht einmal einen lauten Krach. Nur ein Knacken. In diesem alten Gebäude knackt und ächzt das Holz ununterbrochen. Schauen Sie, hier sehen Sie ganz genau, wo um die Verzapfung der Rahmen gesplittert ist.«

»Ich habe mich kurz mit dem Manager unterhalten, bevor Sie kamen, Sir«, sagte Pearce.

»Anscheinend war der Empfang nicht besetzt. Am Abend ist es nicht nötig, finden sie. Außerdem ist heute Feiertag, und kein Angestellter wollte arbeiten. Jeder konnte von der Straße hereinkommen und sich über die Hintertreppe beim Empfangspult hinaufstehlen. In der Bar würde das keiner merken. Im Speisesaal auch nicht. Das einzige Risiko für ihn war, daß im selben Moment jemand aus dem Speisesaal in die Lobby hätte kommen können. Heute sind nur wenige Übernachtungsgäste da, und ich glaube nicht, daß jemand ihn gesehen hat.«

»Sie werden trotzdem alle fragen müssen. Ich hoffe, daß der Constable die Dinnergäste aufhält?«

»Ja, Sir. Und er fragt jeden, ob er etwas Ungewöhnliches beobachtet hat. Aber das ist unwahrscheinlich.« Meredith ging zu Fran hinüber.

»Wollen Sie zu mir ins Rose Cottage kommen, Fran? Ich habe ein Gästezimmer und möchte nicht, daß Sie hierbleiben, nicht nachdem das passiert ist.« Fran lächelte.

»Ich bin okay, wirklich. Nur mein Stolz ist angekratzt, mehr nicht. Danke für Ihr Angebot, doch ich bleibe in der Stadt, man erreicht die Leute leichter, die man erreichen will.« Meredith ging zu Markby. Als er sie erblickte, sah er leicht überrascht aus. Am liebsten hätte sie schnippisch gesagt:

»Ja, ich bin es.« Statt dessen sagte sie:

»Ich möchte, daß sie zu mir kommt, aber sie will nicht. Sprechen Sie mit ihr.«

»Wenn sie bleiben will, wird sie bleiben«, sagte er gelassen.

»Sie muß ohnehin in ein anderes Zimmer umziehen, bei dem das Schloß in Ordnung ist. Dieses werden wir bis morgen versiegeln, dann können wir es uns bei Tageslicht gründlich ansehen.« Er zögerte.

»Ich muß mit dem Manager reden und einen Blick auf die Treppe werfen. Nehmen Sie es mir sehr übel, wenn ich Pearce bitte, Sie zum Taxistand zu bringen?«

»Natürlich kann ich mir ein Taxi nehmen, und Pearce muß mich nicht begleiten. Sie brauchen ihn hier.«

»Ich rufe Sie an«, sagte er ein wenig verlegen.

»Ich komme morgen ohnehin in die Stadt, um zu sehen, wie es Fran geht.«

»Fein. Dann gute Nacht …« Sie verabschiedete sich von Fran und Pringle, versprach, am nächsten Tag zu kommen, und ging zum Taxistand. In der Lobby sagte der Manager gerade zu dem Constable:

»So einen Zwischenfall hat es noch nie gegeben. Noch nie! Wir sind kein großes Hotel. Bei uns steigen keine Gäste ab, die für Hoteldiebe interessant sind.« Auf der Fahrt nach Pook’s Common dachte Meredith über den Zwischenfall nach. Was, wenn der Eindringling kein kleiner Zufallsdieb gewesen war? Was, wenn er auf eine Gelegenheit gewartet hätte, um an Frans Dokumentenkoffer heranzukommen, um – was zu suchen? Eine Kopie des Testaments? Warum? Den Obduktionsbericht? Die gerichtliche Untersuchung sollte am Freitag stattfinden. Er brauchte nur hinzugehen, sich in die hinterste Reihe zu setzen und zuzuhören. Was dann? Sie rutschte auf dem Sitz herum und schaute aus dem Fenster auf die von der Nacht verschleierten Felder und Hecken. Da war noch etwas anderes – etwas, das an ihrem Unterbewußtsein nagte. Was war es? Als sie das Hotelzimmer betrat, war es beinahe an die Oberfläche gedrungen, doch in ihrer Sorge um Fran hatte sie es wieder verdrängt. Es war – Meredith versuchte sich die Szene vorzustellen. Fran, die dasaß, Pringle, über sie gebeugt …

»Dr. Pringle«, sagte sie plötzlich laut.

»Was ist los?« fragte der Taxifahrer.

»Entschuldigung, ich habe nur laut gedacht.«

»Da unten muß ich irgendwo abbiegen, nicht wahr?«

»Was? O ja, bei der Autowerkstatt. Noch ein Stückchen weiter vorn – hier.« Sie holperten den schmalen Weg entlang zum Rose Cottage. Sie stieg aus und bezahlte ihn.

»Bißchen einsam hier, nicht?« fragte er und besah sich die dunklen Fenster der anderen Häuser; es klang besorgt.

»Ja, ein bißchen.«

»Gehen Sie ins Haus, Miss. Ich warte, bis ich sehe, daß Sie Licht gemacht haben.«

»Danke.« Sie ging hinein, knipste das Licht in der Diele an und winkte dem Fahrer durch die offene Haustür. Er wendete den Wagen, wie Markby es getan hatte, indem er ein Stückchen weiterfuhr und dann das Bankett hinter dem Cottage der Haynes’ benutzte. Für Geoffrey ein Grund mehr, sich zu ärgern, wenn die Haynes für immer herziehen, dachte sie. Das Taxi fuhr vorbei, der Fahrer hupte. Meredith lief ins Wohnzimmer und griff nach der Bamford Gazette. Wo war das Bild von Harriet? Ja – es war kein Irrtum möglich. Die Hälfte seines Gesichts war verdeckt, aber seine stämmige Gestalt war unverkennbar und das, was man von seinen Zügen sah, klar genug. Jack Pringle. Und hatte er auf dem Market Square nicht gesagt, er sei die Jagd früher mitgeritten? Dr. Pringle. Dr. Pringle? KAPITEL 10 Als Markby am Donnerstagvormittag ins Crossed Keys kam, waren der Manager und die Empfangsdame mit den scharlachroten Krallen in einen heftigen Streit verwickelt.

»Ich bitte Sie ja nur darum, ein bißchen zu kooperieren, Lisa«, sagte der Manager gekränkt.

»Ich bleibe spät abends nicht an der Rezeption, Mr. Perkins, es ist nicht sicher. Ich kann Diebe und Räuber nicht daran hindern, in die oberen Etagen zu gehen. Dann bekomme ich genauso eins übergezogen wie die Frau in Nummer 20.«

»Wie wäre es mit einem – sagen wir mit – oh, einem Pfund mehr für jede Überstunde nach sieben Uhr. Nehmen wir an, Sie kommen von sieben bis zehn, das sind drei Pfund täglich zu Ihrem festen Gehalt, Lisa. Fünfzehn Pfund pro Woche mehr, Lisa, überlegen Sie doch.« Er überlegte selbst und fügte hastig hinzu:

»Nur für eine begrenzte Zeit, bis Ende Januar.«

»Mein Freund«, sagte Lisa vernichtend,

»würde nichts davon hören wollen. Und damit hat es sich.«

»Guten Morgen, Inspektor.« Mr. Perkins hatte Markby entdeckt und eilte ihm entgegen.

»Der Lady geht es heute morgen viel besser. Dr. Pringle war schon bei ihr. Sie ist jetzt in Nummer 28 am Ende des Korridors. Ich vermute«, er sah Markby traurig an,

»Sie haben nichts gehört – nicht herausgefunden, wer es war?«

»Leider noch nicht.«

»Es ist einfach ungerecht, wissen Sie«, sagte der Manager quengelig.

»Bei uns ist so etwas noch nie geschehen, aber das will keiner mehr wissen. Man erinnert sich nur noch an diesen einen Zwischenfall. Die Bamford Gazette bringt es bestimmt auf der Titelseite. Firmenrepräsentanten, die seit Jahren regelmäßig bei uns abgestiegen sind, werden ins Royal Oak gehen, einfach so, aus keinem anderen Grund.« Markby ließ ihn weiterjammern und Lisa anflehen und ging durch den trüben, knarrenden Korridor zu Nummer 28. Er klopfte.

»Herein«, rief Frans melodische Stimme.

»Guten Morgen«, sagte er und setzte, sofort nachdem er die Tür geöffnet hatte, hinzu:

»O Gott!« Fran Needham-Burrell saß in einem Karateanzug aus türkisfarbener Seide auf dem Bett. Das große Pflaster auf ihrer Stirn war gegen ein kleineres ausgetauscht worden – Beweis für Dr. Pringles frühe Fürsorge –, und sie war perfekt geschminkt und frisiert. Das weizenblonde Haar lag ihr wie ein strahlender Heiligenschein um den Kopf, und der Duft eines, seiner Überzeugung nach, sündteuren Parfüms hing in der Luft. Das Zimmer war so ähnlich wie Nummer 20, aber noch schäbiger, wenn möglich. Sie sah darin völlig fehl am Platz aus, wie eine Göttin aus einer uralten griechischen Sage, die zu arglosen Bauern herabgestiegen war.

»Oh, gut«, sagte sie und streckte ihm beide Hände entgegen.

»Gesellschaft. Ich langweile mich entsetzlich. Jack Pringle hat gesagt, ich muß den ganzen Tag im Bett bleiben. So ein Unsinn. Ich wäre nicht einverstanden gewesen, wenn Charlotte nicht von der Sache erfahren, mich angerufen und vorgeschlagen hätte, daß ich zu ihr und Bungy rauskommen soll. Es ist nett gemeint, und ich liebe sie beide, aber ich liebe meine Unabhängigkeit mehr, also habe ich beschlossen, Jacks Rat anzunehmen und in diesem sehr unbequemen Bett zu bleiben.« Sie machte eine Pause; dann fügte sie mit einem kaum merklichen Flattern der Lider hinzu:

»Sie sollten es ausprobieren.«

»Ich freue mich, daß es Ihnen besser geht«, sagte Markby höflich und fühlte sich wie ein Beutestück.

»Ich bin nur hier, um Sie zu fragen, ob Sie sich vielleicht heute an Ihren Angreifer erinnern oder inzwischen festgestellt haben, ob etwas fehlt.« Seine Stimme klang, wie er selbst fand, wie die eines gestrengen altmodischen Richters vom Obersten Gerichtshof.

»Setzen Sie sich«, sagte sie und klopfte auf die Bettdecke.

»Ich erzähle alles.« Ziemlich demonstrativ zog Markby sich einen Stuhl heran. Es hätte ihm nicht soviel ausgemacht, aber sie lachte ihn wegen seines gespreizten Benehmens aus; in den Tiefen der grünen Augen blitzte es vor Übermut.

»Um ehrlich zu sein, ich kann Ihnen nicht mehr über ihn sagen, Alan. Tut mir leid. Ich habe versucht, mich zu erinnern. Aber es ging alles so schnell. Er war ganz einfach da, schlug zu und war verschwunden.«

»War er groß – größer als Sie? Stämmig?«

»Ungefähr so groß wie ich – ich bin einssiebenundsiebzig. Nicht besonders kräftig, denke ich, aber das ist schwer zu sagen. Er hatte einen Wintermantel an.«

»Er trug einen Mantel?« Sie starrte ihn mit unverhohlenem Erstaunen an.

»Ein Punkt für Sie. Ja, ich glaube ja. Ich wußte etwas, das ich Ihnen nicht gesagt hatte, nicht wahr? Aber ich hatte keine Ahnung, daß ich es wußte.«

»Das kommt oft vor. Warum war es Ihrer Meinung nach ein Wintermantel und kein – Regenmantel, zum Beispiel?«

»Weil ich ihn berührt habe, als ich stürzte, und er sich irgendwie wie Tweed anfühlte.«

»Nicht viele junge Männer tragen einen Wintermantel aus Tweed, nicht wahr? Sie tragen Lederjakken, auch bei kaltem Wetter. Das läßt darauf schließen, daß er schon älter war, oder?« Sie nickte, aber widerstrebend.

»Es war mal eine richtige Mode, alte Wintermäntel auf Trödelmärkten zu kaufen. Viele Jugendliche, die ich kenne, haben sie getragen, knöchellang und mit viel zu langen Ärmeln. Eine meiner Patentöchter ist, als ich sie das letzte Mal sah, in einem Wintermantel rumgelaufen, den ihr Großvater längst abgelegt hatte. Es war so eine Art Sherlock-Holmes-Mantel mit einem Cape über die Schultern.«

»Sie meinen also, es könnte auch ein exzentrisch gekleideter jüngerer Mann gewesen sein?«

»Möglich. Ich weiß es nicht.« Fran faltete die Hände auf dem Schoß und kuschelte sich in die aufgeschüttelten Kissen. Der seidene Karateanzug klaffte einladend auf.

»Ich habe in meinem Dokumentenkoffer nachgesehen und nichts fehlt. Das überrascht mich nicht – es sind nur Papiere, die mit Harriets Besitz zusammenhängen, und ein paar Privatbriefe. Ich habe vielen Leuten geschrieben, was passiert ist.«

»Das haben Sie?« Markby runzelte die Stirn.

»Und diese Briefe waren in dem Koffer? Und waren sie durchwühlt?«

»Alles war durchwühlt.« Markby schwieg. Unser Eindringling wollte vielleicht erfahren, ob sie den Tod ihrer Cousine irgendwie verdächtig findet, dachte er. Vielleicht wollte er wissen, was sie an andere geschrieben – oder ob Harriet ihr etwas Bestimmtes geschrieben hat, etwas, über das die Polizei noch nicht Bescheid weiß.

»Woran denken Sie gerade?« sagte sie.

»Ach, nur dies und das – an nichts Konkretes. Und gefehlt hat also nichts?«

»Rein gar nichts.«

»Um auf den Mantel zurückzukommen – haben Sie, als Sie stürzten, zufällig etwas gerochen?«

»Gerochen?« fragte sie überrascht.

»Ja – ich denke mir, daß er vielleicht ein bißchen miefig gerochen haben könnte, wenn er von einem Trödelmarkt stammte.« Sie runzelte die Stirn, vergaß das Pflaster, sagte

»Au!« und drückte die Hand auf den Verband.

»Jetzt, da Sie’s erwähnen, er hatte einen komischen Geruch. Ich konnte ihn nicht recht einordnen. Ein bißchen feucht vielleicht … Sie wissen, wie Sachen riechen, die in einem alten Haus waren.« Jubilee Road, dachte Markby. Pardy trug einen alten Armeemantel.

»Okay, Fran, ich werde Sie jetzt nicht mehr damit nerven. Aber wenn Ihnen noch etwas einfällt – geben Sie mir Bescheid.«

»Sicher.« Sie verzog das Gesicht.

»Ich habe Ihnen Ihren romantischen Abend verdorben, nicht wahr?«

»Nein – ganz ehrlich, das haben Sie nicht.«

»Oh!« Die grünen Augen musterten ihn nachdenklich.

»Krach unter Liebenden?«

»Nicht einmal das. Nur eine übellaunige Auseinandersetzung.« Er war überrascht, daß er ihr so viel anvertraute.

»Tut mir leid, aber so ist die Liebe nun mal, wie man mir gesagt hat. Es war doch nicht etwa meinetwegen?« Ihre Lider flatterten.

»Nein – es ging in gewisser Weise um Harriet.«

»Harriet? Heißt das etwa, daß Sie zu Harriets fröhlichem Kreis von Bewunderern zählten?« Fran war wirklich überrascht und neugierig.

»Nein, das heißt es nicht, denn es war nicht der Fall«, sagte Markby ärgerlich.

»Ich habe damit gemeint, daß Meredith nur noch Harriet im Kopf zu haben scheint.«

»So hat Harriet nun einmal auf Menschen gewirkt.«

»Was für ein Kreis von Bewunderern?« wollte Markby plötzlich wissen. Fran rekelte sich wieder in den Kissen, und der Karateanzug klaffte ein bißchen mehr auf. Und sie weiß es, dachte er, jetzt unempfänglich dagegen, und tut es absichtlich. Sie mußte ihn für eine ziemlich leichte Beute halten, wußte, wie sie ihn mit einem Schulterzucken ablenken konnte. Ihn, einen Bullen mit jahrelanger Erfahrung?

»Hören Sie auf damit«, sagte er streng.

»Spielverderber.« Sie versuchte nicht einmal, es zu leugnen. Das brachte ihn zum Lachen.

»Kommen Sie, Frances«, sagte er und wurde wieder ernst.

»Wenn Sie einige ihrer Freunde kennen …«

»Viele, aber nicht aus dieser Gegend. Ich könnte Ihnen den Sie-wissen-schon-wen aus dem Stall nennen, aber über den wissen Sie ja schon Bescheid.« Doch er war wirklich ein Bulle mit jahrelanger Erfahrung.

»Keine derzeitigen, okay. Nennen Sie mir einen ehemaligen Bewunderer, der hier lebt und den ich kennen könnte.« Zum erstenmal wirkte sie ein wenig unglücklich.

»Ich komme mir wie eine Petze vor.«

»Wenn er nichts damit zu tun hat, ist es unwichtig.«

»Nein, das ist es nicht. Sie werden zu ihm gehen und ihm zusetzen und ihn aufregen. Er ist ein netter Mann und regt sich schnell auf.«

»Wer, Frances?« Er brüllte beinahe.

»Naja – Jack, Jack Pringle – er wollte sie mal heiraten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben.«

»Was?« Markby sah sie finster an.

»Ich wünschte, Sie hätten mir das früher gesagt.«

»Warum? Außerdem hätte er es Ihnen ja sagen können, wenn er gewollt hätte.« Die grünen Augen bettelten.

»Gehen Sie jetzt nur nicht los und beschuldigen den armen alten Jack der schrecklichsten Dinge.«

»Was für Dinge meinen Sie?«

»Woher soll ich das wissen? Irgendwelcher Dinge.« Sie schob die mit einem perlmuttfarbenen Lippenstift nachgezogene Unterlippe vor.

»Ich wünschte jetzt, ich hätte es Ihnen nicht gesagt.«

»Ihre Mutter hätte Sie über Männer aufklären müssen«, sagte er herzlos.

»Oh, das hat sie – hat mir viele gute Ratschläge gegeben. Ich wünschte auch, ich könnte mich noch an ein paar erinnern.« Mit beiden Händen schob sie den blonden Glorienschein ihrer Haare zurück.

»Ich hab’s ernst gemeint, als ich sagte, Sie sollten rausfinden, wer Harriet gedopt hat. Aber der arme alte Jack war’s nicht, davon bin ich überzeugt.«

»Falls jemand sie gedopt hat.«

»Ja …« Plötzlich war sie widerspenstig und hart.

»Ja, jemand hat es getan, verdammt!«

»Wenn es jemand getan hat, hoffe ich, ihn zu finden. Doch die Chancen sind gering. Morgen ist die gerichtliche Untersuchung. Ich habe nichts, was ich dem Coroner vorlegen könnte. Um eine Vertagung zu erreichen, brauche ich einen Beweis.«

»Ich werde ihm schon Bescheid sagen, Ihrem Coroner.«

»Ja, dessen bin ich sicher. Aber jagen Sie seinen Blutdruck nicht in schwindelnde Höhen, während Sie es tun.« Sie senkte die Arme.

»Mögen Sie mich denn gar nicht, Alan?«

»Was in aller Welt soll ich denn darauf sagen? Was erwarten Sie?«

»Ja oder nein würde mir vollauf genügen.«

»Wahrscheinlich würde jeder Mann Sie mögen. Aber ich bin im öffentlichen Dienst, ein Arm des Gesetzes – und habe eine vorrangige Verpflichtung.«

»Sie weiß Sie nicht richtig zu schätzen.«

»Also das klären wir später einmal, ja?« sagte er sanft.

»Okay, das war deutlich. Ich werde Meredith nicht kritisieren. Ich finde nur, sie hat sie nicht alle.« Sie streckte die Hand aus.

»Pax.«

»In Ordnung.« Er nahm die Hand.

»Lassen wir die Sache auf sich beruhen.« Es klopfte an der Tür.

»Der Vormittagskaffee«, sagte Fran.

»Schmeckt wie gekochter Seetang. Das Crossed Keys sorgt für mich. Ich denke, man versucht zu vollenden, was unser Mann gestern abend begonnen hat. Aber sie haben mir gesagt, sie werden meine Rechnung heruntersetzen. Herein!« Die Tür ging auf. Noch immer geistesabwesend Frans Hand haltend, drehte Markby sich um.

»Oh«, sagte Meredith, die in der Tür stand.

»Guten Morgen. Störe ich?«

»Sie vermuten doch hoffentlich keine heimlichen Leidenschaften?« fragte Fran, nachdem Markby sich ein bißchen überhastet verabschiedet hatte.

»Der Mann ist unbestechlich, und ich hab’s versucht, glauben Sie mir. Es hat nichts genützt. Er ist Ihnen absolut treu.«

»Davon will ich nichts hören«, sagte Meredith steif.

»Warum nicht? Ich würde es wollen. Außerdem haben Sie’s gehört. Ich hab’s Ihnen gesagt.«

»Ich bin gekommen, um zu sehen, wie es Ihnen heute geht, Fran«, sagte Meredith energisch.

»Nicht, um mein Privatleben mit Ihnen zu diskutieren.« Fran seufzte und breitete die in türkisfarbene Seide gehüllten Arme aus.

»Ich gehe heute morgen auf Zehenspitzen. Metaphorisch gesprochen. An dieses Bett gefesselt, kann ich verdammt alles tun – allein, auf jeden Fall.«

»Sie sind unmöglich«, sagte Meredith ärgerlich und bemühte sich, nicht zu lächeln.

»Aber Sie sind fröhlicher geworden«, sagte Fran triumphierend.

»Gott sei Dank. Ich hab schon gedacht, ich müßte Ihretwegen ein schlechtes Gewissen haben. Danke, daß Sie vorbeigekommen sind. Ich bin wirklich okay. Im Bett liege ich nur, weil Jack Pringle es befohlen hat. Aber morgen stehe ich auf. Das heißt, ich habe die Absicht, schon heut abend aufzustehen.«

»Oh, Jack Pringle …« Meredith unterbrach sich.

»Er hat die Jagden früher mitgeritten, nicht wahr? Warum hat er damit aufgehört?«

»Na ja.« Frans Blick verschleierte sich.

»Er ist dauernd vom Pferd gefallen, glaub ich, und konnte seine Patienten nicht behandeln, weil er eingegipst war. Entweder das, oder er konnte sich kein Pferd mehr leisten und auch nicht die anderen Ausgaben. Jack hat kein Geld. Ein netter Kerl.« Sie drehte sich auf die Seite und begann in ihrer Umhängetasche zu kramen, die auf dem Nachttisch lag.

»Hören Sie, Meredith, Sie haben angeboten, mir beim Ausräumen von Ivy Cottage zu helfen. Gilt das Angebot noch?«

»Ja, natürlich.«

»Weil ich möchte, daß Sie die Zweitschlüssel nehmen.« Fran zog einen Schlüsselbund heraus und reichte ihn Meredith.

»Ich liege hier auf der Nase, und morgen ist die gerichtliche Untersuchung, und Montag muß ich nach London zurück. Zur Beerdigung bin ich dann wieder hier. Ich hoffe, sie für Ende nächster Woche ansetzen zu können, wenn der Coroner morgen die Leiche freigibt. Ich darf Harriet nun doch in Westerfield begraben, auf der Parzelle der Markbys. Werden Sie kommen können?«

»Ich käme natürlich gern. Aber ab Montag arbeite ich in London und müßte praktisch gleich um einen freien Tag bitten. Vielleicht sind sie in dieser Beziehung ein bißchen heikel.«

»Versuchen Sie’s auf jeden Fall. Und wenn Sie abends Ivy Cottage im Auge behalten würden – mir ist klar, daß Sie’s dann tagsüber nicht können. Und da gibt es noch eine Kleinigkeit, die Sie für mich tun könnten, wenn Sie einmal ein bißchen Zeit haben. Es ist nicht eilig. Ich habe mir ein paar von Harriets Büchern genommen, die ich behalten möchte. Den Rest kann die Liga der Freunde des Cottage Hospitals bekommen. Wenn Sie also rübergehen und alle Bücher, die Sie finden, in eine Kiste packen und sie einfach ins Medizinische Zentrum bringen könnten, dann wird Jack Pringle sich darum kümmern.«

»Aber gewiß doch.« Fran beugte sich vor und streckte die Arme aus.

»Dieses Bett hat der Teufel erfunden. Zum Kuckuck mit Jack Pringle. Ich stehe auf. Bleiben Sie, und leisten Sie mir bei einem Crossed-Key-Lunch Gesellschaft, Meredith. Sie haben solche Angst, daß ich sie verklagen werde, daß sie mir auf alles Ermäßigung geben, und das werde ich ausnutzen. Geschieht ihnen recht – lassen es zu, daß ich eins auf den Kopf kriege!« Als sie Fran nach dem Lunch verließ, ging Meredith gemächlich zurück in die Hauptgeschäftsstraße der Stadt. Obwohl fest entschlossen, ihr Krankenbett zu verlassen, hatte Fran gegen Ende der Mahlzeit sehr blaß ausgesehen und sich ein paarmal an die Stirn gegriffen. Meredith hatte sie überredet, hinaufzugehen und sich am Nachmittag auszuruhen. Daran, daß Fran ohne Widerrede einverstanden war, konnte man ermessen, wie schlecht sie sich fühlte. Obwohl, dachte Meredith, sie wieder aufspringen und herumflitzen wird, sobald die Kopfschmerzen nachgelassen haben. Es wäre sinnlos gewesen zu leugnen, daß ihr ziemlich scheußlich zumute gewesen war, als sie die Tür geöffnet und Alan Markby dabei überrascht hatte, wie er Frans Hand in der seinen hielt. Der Schlag, den ihr der Anblick versetzte, war schlimm gewesen, schlimmer als sie sich vorgestellt hätte. Natürlich hätte sie es erwarten müssen. Hatte sie ihm doch am Abend vorher unmißverständlich erklärt, daß er sich von ihrer Beziehung nichts erhoffen durfte. Dennoch hatte er keine Zeit verloren und sich schnell nach einem Ersatz umgeschaut. Das tat ihrem Selbstwertgefühl nicht besonders gut. Aber sie durfte nicht murren, weil der Mann sie beim Wort genommen hatte. Sie hielt in ihren Gedanken inne. Es machte ihr doch nichts aus, oder? Oder doch? Ja, es machte ihr etwas aus. Es machte ihr verdammt viel aus. Sie litt an einem schlimmen Anfall guter, altmodischer Eifersucht. Vor einer Buchhandlung angekommen, blieb sie wie üblich stehen, um sich das Schaufenster anzusehen. Es schien eine ernstzunehmende, gut sortierte Buchhandlung zu sein, die vom Sachbuch über alle nur erdenkliche Themen bis zum Roman alles führte. Von der tröstlichen Wärme im Innern angezogen, gab sie einem Impuls nach und trat ein.

»Kann ich Ihnen helfen?« fragte der junge Mann an der Kasse und kam hinter dem Tresen hervor. Ihr kam ein Gedanke.

»Haben Sie das neueste Buch von Colin Deanes auf Lager? Ich glaube, es heißt Revolutionäre Jugend.« Das hatte ihr Alan gesagt. Es wäre interessant, mehr über Deanes’ Theorien zu erfahren.

»Oh, Mr. Deanes!« sagte der junge Mann begeistert.

»Er hat das Buch geschrieben, als er in der Nähe von Bamford wohnte, haben Sie das gewußt? Er kommt von Zeit zu Zeit zu uns herein. Aber Sie können das Buch leider noch nicht kaufen. Es erscheint erst im Februar. Ich habe mich beim Verlag erkundigt, weil Mr. Deanes hier im Laden eine Art Buchpräsentation veranstalten wollte. Er wollte über sein Werk sprechen und vielleicht ein paar Bücher signieren. Doch wir bekommen die Bücher erst im Lauf des Monats. Wenn Sie wollen, reserviere ich Ihnen ein Exemplar.«

»Aber ja«, sagte sie und nannte ihm Namen und Adresse.

»Wir schicken Ihnen eine Karte, sobald wir das Buch hereinbekommen haben, Miss Mitchell.«

»Danke.« Meredith wollte gehen und stieß, als sie sich umdrehte, mit Lucy Haynes zusammen.

»Oh, guten Tag, Mrs. Haynes. Erinnern Sie sich an mich?«

»Aber natürlich. Miss Mitchell, nicht wahr. Wie nett …« Nervös blickte Lucy zu ihr auf.

»Wie geht es Ihnen. Ich habe an Sie gedacht und freue mich wirklich, Sie zu sehen und zu wissen, daß Sie gesund sind. Es muß jetzt alles andere als angenehm sein, in Pook’s Common zu leben, und noch dazu direkt gegenüber vom Cottage der armen Miss Needham. Ich könnte es nicht. Offen gesagt, ich mag Pook’s Common nicht, hab es nie gemocht. Nur Geoffrey wollte es. Nun ja, er hat schon immer davon geträumt, irgendwo zu wohnen, wo möglichst wenig Menschen sind. Ich wollte das Cottage nie kaufen. Ich wäre gern nach Bournemouth gezogen. Das Klima ist gut, und ich liebe das Meer. Es gibt dort so hübsche Geschäfte, und unsere Tochter wohnt in der Nähe. Pook’s Common kommt mir immer irgendwie unheimlich vor. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.«

»Nein, das glaube ich nicht«, gestand Meredith.

»Ich finde es auch ein bißchen gruselig.«

»Wirklich?« Lucy freute sich geradezu rührend, weil sie ihren Eindruck bestätigt bekam.

»Geoffrey behauptet, ich rede Unsinn. Aber seit Miss Needhams Unfall – Gott, war das schrecklich – ist für mich die Vorstellung, da draußen leben zu müssen, schlimmer denn je.«

»Es ist einsam, das ist wahr.« Lucy rückte vertraulich näher und flüsterte:

»Es ist das Gemeindeland. Es ist so düster, und unser Cottage ist das letzte in der Häuserreihe, und zwischen uns und dem Gemeindeland ist nur dieser Stall. Manchmal nachts …«

»Ja?« drängte Meredith.

»Wieder meine Phantasie, wie Geoffrey sagt, da bin ich sicher. Aber wenn wir übers Wochenende hier waren, konnte ich kaum ein Auge zutun. Ich liege wach und horche, und manchmal könnte ich schwören, daß ich Schritte gehört habe.«

»Nachts? Sie haben nicht zufällig die Pferde gehört, die in ihren Boxen stampfen? Vor kurzem sind sie nachts auch ausgebrochen.«

»Nein, das glaube ich nicht. Schritte, gehende Schritte. Geoffrey sagt, was für ein Unsinn, denn wohin sollte da unten schon jemand gehen. Wenn nicht der Mensch vom Stall Miss Needham besuchte. Er war mit ihr befreundet.« Lucy überlegte.

»Ja, er könnte es gewesen sein. Oder einfach der Wind, der ein paar Blätter vor sich herwirbelte. Ich bilde mir oft Dinge ein. Geoffrey schimpft deshalb oft mit mir.« Nachdenklich verabschiedete Meredith sich von ihr und ging weiter. Ein Stückchen vom Buchladen entfernt parkte am Bordstein ein großer, glänzend schwarzer Granada. Als sie ihn erreichte, blieb sie stehen. Als sie das erste Mal einen Wagen vor Harriets Haus gesehen hatte, hatte sie den Eindruck gehabt, es sei möglicherweise ein Granada. Aber bei Dunkelheit war es schwierig gewesen, das sicher sagen zu können. Dennoch, hier war einer und fiel in diesem Landstädtchen durch seine Großstadteleganz auf. Bisher hatte sie in Bamford jedenfalls noch kein solches Auto gesehen. Wie viele Granadas gab es hier wohl? Konnte das mehr als Zufall sein? Meredith trat an das Schaufenster eines Fleischers und tat so, als betrachte sie interessiert Schweinekoteletts und Hackfleisch, behielt in Wahrheit jedoch verstohlen den Wagen im Auge. Eine an einem Metallpfosten angebrachte Tafel verkündete, die Parkzeit für Autos sei hier auf zwanzig Minuten beschränkt. Der Fahrer mußte bald zurückkommen. Beinahe hatte sie schon aufgegeben, und der Fleischer hatte durch die Glasscheibe schon ein paar unfreundliche Blicke in ihre Richtung geworfen, als ein Mann erschien, der flotten Schrittes näher kam. Er blieb bei dem Granada stehen und steckte den Schlüssel ins Schloß. Es gab für Zufälle eine Grenze, und sie war eben erreicht. Meredith ging auf ihn zu und sah ihn über das Wagendach hinweg an.

»Guten Tag, Mr. Green.« Rupert Green hielt mitten in der Bewegung inne. Seine dunklen Augen musterten sie mißtrauisch, er versuchte sie einzuordnen, doch es gelang ihm nicht.

»Tut mir leid«, sagte er kühl.

»Sie kennen mich wohl besser als ich Sie.«

»Mein Name ist Meredith Mitchell. Ich habe ein Cottage in Pook’s Common gemietet.« Etwas flackerte in den Tiefen seiner dunklen Augen. Er schien noch mehr auf der Hut als vorher. Doch Meredith spürte die Erregung nahen Triumphs. Sie hatte ins Schwarze getroffen. Wußte es, und das ermutigte sie, sich auf das Wagnis einzulassen.

»Ich habe Ihren Wagen gesehen – er war vor dem Ivy Cottage geparkt.« Langsam zog Green den Schlüssel wieder aus dem Schlüsselloch der Wagentür.

»Ich unterhalte mich nicht gern auf einem öffentlichen Gehsteig über ein Autodach hinweg. Hinter uns ist ein Café. Vielleicht könnten wir hineingehen?« Meredith ging ihm in den Cosy Corner Coffee Shop voraus. Green sah sich um und zeigte dann stumm auf einen hinter einer Säule versteckten Tisch. Als die Kellnerin kam, bestellte er schroff:

»Zwei Kaffee«, ohne Meredith zu fragen, was sie wollte. Die Kellnerin ging, und er legte die Unterarme auf den Tisch und verschränkte locker die Hände. Es waren breite Hände mit spatelförmigen Fingern, derbe Hände. Obwohl ein gutaussehender Mann, wirkte sein gutes Aussehen beinahe schwülstig, aber Meredith mußte an eine Malerleinwand denken, auf die der Künstler die Farbe mit einem Messer aufgetragen hatte.

»Was wollen Sie?« fragte er. Meredith spürte, daß sie rot wurde.

»Ich will nichts, nur ein paar Worte über Harriet mit Ihnen reden. Sie sind bestimmt erschüttert über ihren Tod, und ich möchte Ihnen natürlich nicht noch mehr Kummer zufügen.« Green dachte über die Antwort auf diese Feststellung nach, seine Augen blieben unfreundlich, und er wirkte nervös und angespannt. Am liebsten wäre er sofort weggefahren, dachte sie. Das konnte er nicht, also versuchte er sich herauszureden.

»Das ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen«, sagte er endlich.

»Natürlich bin ich über Harriets Tod betroffen und vor allem über die Art, wie sie starb. Es war ein großer Schock und ein schändliches Bubenstück von diesem jungen Menschen. Ich habe jedoch angenommen, daß die zuständige Behörde im Hinblick auf künftige Zwischenfälle alles im Griff hat. Wollen Sie mir sagen, daß das nicht zutrifft?«

»Nein, nein, das ist soweit in Ordnung. Aber alles ist nun doch ein bißchen komplizierter, als es ursprünglich den Anschein hatte.« Greens Augen wurden schmal. Er preßte die Hände, die auf dem Tischtuch lagen, fester zusammen, senkte den Kopf und beobachtete sie unter kräftigen Brauen hervor. Sitzungssaalgehabe, dachte Meredith. Sie fuhr fort:

»Wie Sie vielleicht wissen, wurden bei der Obduktion Tranquilizer in Harriets Blut nachgewiesen.«

»Und?« Er hob die kräftigen Brauen. Entweder war er ein guter Schauspieler, oder er wußte wirklich nicht, worauf sie hinauswollte.

»Alle, mit denen ich gesprochen habe und die Harriet kannten, können das nicht verstehen. Sie hat diese Pillen nicht genommen. Sie hat überhaupt keine Pillen genommen. Soweit bekannt, hatte sie keine Depressionen. Wir können keine leeren Pillenpackungen und auch die restlichen Pillen nicht finden.«

»Wer«, erkundigte sich Green und musterte sie scharf,

»ist ›wir‹?«

»Ich, die Familie – die Polizei.« Meredith warf das letzte Wort erst nach einer merklichen Pause ein.

»Und das hat etwas mit mir zu tun?«

»Sie könnten uns möglicherweise helfen, eine Erklärung zu finden. Haben Sie Pillen dieser Art im Cottage gesehen?«

»Die Antwort auf alle Fragen lautet nein.« Die Kellnerin brachte den Kaffee. Green warf zwei Pfundnoten auf das Tischtuch und scheuchte das freudig überraschte Mädchen weg. Die Gefühle gehen mit ihm durch, dachte Meredith hochzufrieden. Er gehörte zu den Leuten, die sonst das Kleingeld nachzählten, wenn sie eine Schachtel Streichhölzer kauften. Er ist unsicher.

»Ich muß Ihnen sagen, Miss – äh – Miss Mitchell, daß mir die Art, wie Sie mir diese Fragen stellen, nicht gefällt. Ich hoffe, Sie haben einen überzeugenden Grund.« Stimme und Benehmen waren dazu gedacht, weniger standfeste Sterbliche zu entmutigen, und früher bestimmt schon sehr erfolgreich eingesetzt worden. Aber nicht jetzt. Oh, nicht mit mir! dachte Meredith fast vergnügt. Sie war nicht der Bürolehrling. Sie hatte mit viel Schlimmeren als ihm zu tun gehabt. Sie würde er nicht einschüchtern.

»Ich dachte«, sagte sie zurückhaltend,

»Sie wüßten gern genau, wie Harriet gestorben ist, da Sie so eng mit ihr befreundet waren.«

»Ich dachte, daß es schon klar auf der Hand liegt, wie sie gestorben ist, und vielleicht legen Sie dieser Freundschaft eine übertriebene Bedeutung bei.«

»Sie waren am Weihnachtstag bei ihr. Auf jeden Fall waren Sie abends da. Ich finde, das weist auf eine gewisse Nähe hin.« Meredith nippte an ihrem Kaffee, um ihm zu zeigen, daß ihre Hand nicht zitterte.

»Abgesehen davon, daß Sie Harriets Nachbarin waren, wer sind Sie?« fragte er schroff. Meredith sagte es ihm, und sein Blick wurde vorsichtiger. Er hob die ineinanderverschlungenen Hände, stützte das Kinn darauf und die Ellenbogen auf den Tisch. Auf seinem noch unberührten Kaffee hatte sich ein Film gebildet. Er war nicht bereit, sich dem gleichen Test zu unterziehen wie sie.

»Hören Sie«, sagte er leise.

»Ich will Ihnen haargenau sagen, was diese Freundschaft war. Dann werden Sie mich vielleicht in Ruhe lassen. Wenn Sie das nicht tun, werde ich rechtliche Schritte gegen Sie unternehmen, damit Sie aufhören, mir zuzusetzen. Ich habe nicht die Absicht, Einzelheiten meines Privatlebens und meiner Geschäftsangelegenheiten vor einer Fremden auszubreiten, aber ich sage Ihnen so viel: Meine Frau und ich sind wie zivilisierte Menschen übereingekommen, getrennte Wege zu gehen. Sie ist Partnerin in einigen meiner Unternehmen, und ihr Vater ist ebenfalls an einigen meiner Unternehmen beteiligt. Es wäre also weder in Felicitys noch in meinem Interesse, wenn wir uns scheiden ließen.« Meredith stellte abrupt die Kaffeetasse ab. Sie hatte Tante Lou völlig mißverstanden. Keine grüne Politik, aber der Familienname Green. Dieser grüne Mann. Dieser Green.

»Doch wenn es einen Skandal gäbe – und Harriets Unfall hat unglücklicherweise einen zwielichtigen Aspekt, was Sie zugeben werden –, wenn die nationale Presse davon Wind kriegt – und ich spreche jetzt von den sensationslüsternen Boulevardzeitungen –, wenn sie von meiner Freundschaft mit Harriett erfahren würden, dann können Sie sich die Story vorstellen, die sie daraus machen würden: Geliebte von Top-Manager nach dramatischem Sturz vom Pferd gestorben – und der Himmel weiß, was sonst noch. Das würde Felicity nicht mitmachen – und ihr Vater ebensowenig. Sie würde die Scheidung einreichen, und der alte Mann würde sein ganzes Geld aus meinen Firmen ziehen. Felicity würde dafür sorgen, daß sie die Hälfte von allem bekommt, was ich besitze. Ich wäre vielleicht sogar gezwungen, Konkurs anzumelden, wäre ruiniert, und das kann ich natürlich nicht zulassen. Weder Ihnen noch der Polizei kann ich etwas sagen, das irgendein Licht auf Harriets Tod werfen würde. Und da ich weiß, was die Massenblätter für solche Leckerbissen bezahlen, rate ich Ihnen, nicht in Versuchung zu geraten und sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Weiden Sie sich, wenn Sie wollen, an dem, was Sie erfahren haben, aber behalten Sie es für sich.« Meredith wurde feuerrot und öffnete den Mund, um heftig zu widersprechen. Green kam ihr zuvor, beugte sich über den kleinen Tisch und hielt ihren Blick fest.

»Wenn Sie Ihr Wissen irgendwie dazu benutzen sollten, mich, egal wie, in Verlegenheit zu bringen, Miss Mitchell, dann werden Sie es bereuen. Und ich bin sicher, Sie sind viel zu intelligent, um an Erpressung zu denken.«

»Harriet war meine Freundin«, sagte sie erstickt.

»Und für mich eine Geliebte«, sagte Green gelassen.

»Nichts sonst. Nur das. Eine Geliebte.« Du Ratte, dachte Meredith. Du jämmerlicher Wicht. Verrotten sollst du in deinem jämmerlichen kleinen Grab.

»Hat sie die Beziehung auch so gesehen?« fauchte sie.

»Aber natürlich. Benehmen Sie sich bitte nicht wie eine gekränkte Romantikerin, Miss Mitchell. Harriet hatte einen außerordentlich klaren Kopf. Hätte sie die vorgegebenen Regeln umstoßen wollen, wäre unsere Affäre sofort zu Ende gewesen, das wußte sie genau.«

»Wie praktisch für Sie! Ich wünschte, ich könnte glauben, daß alles so festgelegt und klar umrissen war.« Greens Lippen verzogen sich zu einem kurzen, freudlosen Lächeln.

»Alle Liebespaare streiten hin und wieder, Miss Mitchell. Das gibt einer Beziehung die Würze, verändert sie aber nicht gleich. Doch falls Sie einen zusätzlichen Rat brauchen, schlage ich vor, daß Sie an eine Briefkasten-Tante schreiben. Ich kann nicht behaupten, daß es mir ein Vergnügen war …« Er machte eine Bewegung, als wolle er aufstehen.

»Ich glaube«, sagte Meredith sanft,

»meine alte Tante ist eine gute Freundin Ihres Schwiegervaters Mr. Ballantyne. Denn das ist er doch? Wohnt in der Nähe von Newbury.« Es ist nicht viel, Harriet, dachte sie. Es war nur eine kleine Rache, doch mehr konnte sie nicht tun. Green blieb, halbgebückt, wie erstarrt stehen. Das Blut wich ihm aus dem Gesicht, seine Haut wurde aschfahl.

»Das hätten Sie mir von Anfang an sagen müssen. Dieses Gespräch hat unter völlig falschen Voraussetzungen stattgefunden. Ich nahm an, Sie wüßten über mich nicht viel mehr als ich über Sie. Wieviel wissen Sie überhaupt über meine Angelegenheiten?«

»Mr. Green«, sagte Meredith und erhob sich mit Würde,

»Ihre Angelegenheiten interessieren mich nicht die Bohne – und Ihre Affären noch weniger. Ich bin einzig und allein daran interessiert zu erfahren, woher Harriet die Tranquilizer hatte. Es gibt aber eine Frage, die Sie mir beantworten können, wenn Sie wollen.«

»Ja?« sagte er heiser.

»Haben Sie mit Harriet am zweiten Weihnachtstag gefrühstückt?«

»Nein«, bellte er wütend.

»Ich bin am ersten Weihnachtstag gegen Mitternacht gegangen.«

»Und sind nicht zurückgekommen?«

»Nein! Warum sollte ich? Am nächsten Tag war das Jagdtreffen. Ich mußte mich darauf vorbereiten. Außerdem sollten wir uns dort ohnehin sehen.«

»Fein. Schön, vielen Dank, Mr. Green. Und danke für den Kaffee.« Sie lächelte eisig und ließ ihn schweigend, zornig und, davon war sie überzeugt, in Todesängsten zurück. Aber als sie nach Pook’s Common zurückfuhr, überkam Meredith tiefe Niedergeschlagenheit. Das hatte nichts mit Harriets Tod, aber sehr viel mit Harriet selbst zu tun. Welchen Preis hast du für deine Unabhängigkeit wirklich bezahlt, Harriet? fragte sie sich trübsinnig. Sie war so eifrig darauf bedacht gewesen, sich von niemandem über den Tisch ziehen zu lassen. Sie, die Tom Fearon so fest im Griff gehabt hatte. Doch dann war dieser Miesling Green gekommen, und sie war auf seinen Charme hereingefallen – was immer das war. Und er hatte jetzt nichts anderes im Sinn, als so zu tun, als habe er sie nie gekannt. Er war es gewesen, für den sie am Weihnachtstag das Festessen gekocht hatte. Und er sagte jetzt, sie sei seine Geliebte gewesen und mehr nicht. Nach einiger Zeit hätte er sie gegen ein neueres Modell eingetauscht wie eines Tages seinen Granada. Wie hatte Harriet sich nur in einen solchen Typ verlieben können? Oder hatte sie es gewußt? Hatte sie es gewußt, und es war ihr egal gewesen? Sie wünschte, sie wüßte es. O Harriet, ich wünschte, ich wüßte es. Doch angenommen … Meredith schaltete, daß das Getriebe krachte, und nahm an der Abzweigung nach Pook’s Common bei Fenniwicks Garage das Gas weg. Im Hof stand ein Mann, und die Werkstatt schien wieder geöffnet. Angenommen, Harriet hatte es etwas ausgemacht? Angenommen, sie hatte erwartet, Green werde sich von Felicity scheiden lassen und sie heiraten? Oder angenommen, sie hatte diese Heimlichtuerei satt gehabt?

»Benimm dich nicht so, als ob du dich für mich schämst. Geh mit mir aus, und stell mich deinen Freunden vor«, hatte sie vielleicht gefordert. Green hätte das weder gekonnt noch gewollt. Er hätte sich geweigert. Vielleicht war sie wütend gewesen, als ihr klar wurde, wie wenig sie ihm in Wahrheit bedeutete. Vielleicht hatte sie ihm gedroht. Für ihn ein starkes Motiv, sie zum Schweigen zu bringen – für immer.

Markby war, nachdem er das Hotel verlassen hatte, ins ärztliche Zentrum gefahren. Wie idiotisch, sich beim Händchenhalten mit Fran erwischen zu lassen. Meredith mußte ja denken – oder nicht?

»Ich möchte mit Dr. Pringle sprechen – privat«, erklärte er der Sprechstundenhilfe.

»Wann kommt heute vormittag sein letzter Patient?«

Sie sah ihn mißtrauisch an.

»Dr. Pringles Sprechstunde ist heute vormittag randvoll. Er kann niemanden außer der Reihe empfangen. Sie müssen sich einen Termin für die Sprechstunde um siebzehn Uhr geben lassen.«

»Ich will ihn nicht konsultieren. Ich bin Chefinspektor Markby.« Er zeigte ihr seine Karte.

»Es handelt sich um einen Fall.«

»Oh«, sie wurde zugänglicher.

»Nun, er hat vor dem Lunch nur noch einen Patienten. Ich rufe ihn, wenn Sie wollen …«

Sie streckte die Hand nach dem Telefon aus, doch er hielt sie zurück.

»Nein, ich warte vor seinem Sprechzimmer auf ihn.«

Er ging den Korridor entlang, in dem es nach Desinfektionsmitteln roch, und setzte sich vor der Tür mit der Aufschrift Dr. J. Pringle auf einen Stuhl. Das Medizinische Zentrum war erst vor zwei Jahren eröffnet worden. Der Wandanstrich war noch schön und frisch, die Teppiche waren fleckenlos, die Plastikstühle jedoch schon ziemlich abgenutzt. Markby setzte sich anders zurecht, und der Stuhl unter ihm ächzte. Die Neonleuchte über seinem Kopf machte ein leises, singendes Geräusch und flackerte ab und zu.

Hinter der Tür von Pringles Sprechzimmer hörte er Stimmen, die des Arztes und einer Frau. Nach einer Weile ging die Tür auf. Eine Frau, die sehr bedrückt wirkte, kam heraus und huschte den Korridor entlang davon. Pringle, dessen stämmige Gestalt den ganzen Türrahmen ausfüllte, sah Markby und rief überrascht:

»Hallo, Alan! Sind Sie krank?«

»Nein, ich bin nur vorbeigekommen, um mit Ihnen zu reden, falls Sie einen Moment Zeit haben.«

»Kommen Sie rein. Ich habe Mittagspause. Dann Hausbesuche, schnell eine Tasse Tee und die Sprechstunde um siebzehn Uhr. Wer möchte praktischer Arzt sein!« Er zeigte auf einen Stuhl und ließ sich wieder in den Sessel sinken, aus dem er eben aufgestanden war.

»Geht es um die gerichtliche Untersuchung morgen?«

»Ja – Sie sind der medizinische Gutachter, soviel ich weiß.«

»Das ist richtig.«

»Jack …« Markby zögerte.

»Ich will nicht schnüffeln, aber ich weiß, daß Sie und Harriet sich einmal ziemlich nahegestanden haben, vor zwei Jahren etwa.«

»Man könnte es so nennen, ja.« Mit Pringles Freundlichkeit war es vorbei.

»Das wird mich nicht daran hindern, eine objektive medizinische Meinung zu äußern.«

»Das wollte ich auch nicht unterstellen. Es gibt keine andere Möglichkeit, ich muß Sie das rundheraus fragen, Jack. Haben Sie sie am Weihnachtstag – am Abend – in Pook’s Common besucht?«

»Nein.« Pringle sah ihn durchdringend an.

»Zufällig wurde ich am Weihnachtstag zu einem Notfall außerhalb gerufen. Das können Sie nachprüfen.«

»Und am Morgen des zweiten Weihnachtstags, bevor ich Sie auf dem Marktplatz traf? Sie waren vorher nicht bei ihr und haben mit ihr gefrühstückt?«

»Nein.« Es folgte eine Pause, und dann fragte Pringle ruhig:

»Aber jemand war da, nicht wahr? Sie wissen nicht, wer, und wüßten es gern. Sie hatte am Weihnachtstag einen Freund bei sich – und am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags?«

»Tut mir leid, Jack«, sagte Markby zerknirscht.

»Es gefällt mir nicht, daß ich darauf zu sprechen kommen muß, wenn es schmerzt …«

»Das ist nicht Ihre Schuld. Sie müssen Ihren Job erledigen. Nein, ich war nicht dort – weder abends noch morgens. Wer es auch war, ich war’s nicht. Ich gestehe aber gern, ich wünschte, ich wärs gewesen.«

»Sicher, Jack, ich verstehe.«

»Und Sie haben recht, es schmerzt. Es ist jetzt zwei Jahre her, daß Harriet und ich befreundet waren, wie Sie es nennen. Doch es hört nie auf zu schmerzen, Alan.«

»Sie haben nicht etwa beschlossen, etwas dagegen zu tun, Jack?« Markby betete darum, daß Jack nicht mit Ja antwortete.

»Nein. Ich bin nicht zu ihr rausgefahren und habe sie mit Tranquilizern gefüttert. Ich komme natürlich an die Dinger ran …« Pringle zeigte mit der Hand auf die Regale rundum.

»Aber ich hab’s nicht getan. Und mir gefällt der Gedanke nicht sehr, daß ein anderer es getan hat.« Nach einer Pause fuhr er fort:

»Sie war wie die Verkörperung des Lebens selbst. Ich hätte nie etwas getan, um das auszulöschen.« Frauen, Frauen, Frauen, dachte Markby, als er zur Polizeistation zurückging. Nun, sie schienen in dieser Beziehung alle ziemlich durcheinander. Morgen war die gerichtliche Untersuchung. Wahrscheinlich konnte er aufgrund noch nicht abgeschlossener polizeilicher Ermittlungen einen Aufschub erwirken – wobei er die Ermittlungen gegen Pardy wegen gesetzwidriger Fahrlässigkeit meinte. Aber diese verdammten Pillen – jeder gute Verteidiger würde vor Gericht die Vorwürfe gegen Pardy mit links abschmettern. Harriet Needham machte ihnen eine Menge Schwierigkeiten.

Zwischen mir und Alan herrscht jetzt eine ziemliche Verlegenheit, dachte Meredith, und sie mußte sich eingestehen, daß sie allein daran schuld war. Daß sie ihn dabei ertappt hatte, wie er zärtlich Frans Hand hielt, war ihrer Beziehung zwar nicht unbedingt förderlich gewesen, doch die Grundsituation hatte sie geschaffen. Das machte es schwierig, zum Telefon zu greifen und ihn anzurufen, doch sie mußte es tun.

»Meredith!«

Sie hörte den Eifer in seiner Stimme und schnitt ihm das Wort ab, ehe er noch mehr sagen konnte.

»Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß ich herausgefunden habe, wer am Weihnachtstag Harriets Gast war. Rupert Green. Ich habe mit ihm gesprochen, und er gibt es zu.«

»Ach, tatsächlich?« Er stieß einen leisen Pfiff aus.

»Er hat gesagt, er sei spät nachts weggefahren – um die Zeit, um die ich den Wagen gehört habe – und sei nicht zurückgekommen. Er weiß nichts von den Pillen, oder behauptet es zumindest. Er sagt, Harriet habe sie nie erwähnt oder gesagt, sie sei de

primiert, und er möchte aus der Sache herausgehalten werden. Wenn seine Frau davon erfährt, wird sie sich von ihm scheiden lassen, und sein Schwiegervater wird ihm den Geldhahn zudrehen. Alles in allem ist er sehr nervös, unser Mr. Green.«

»Dann werde ich wohl mit ihm sprechen müssen.«

»Seien Sie vorsichtig. Er wird Ihnen mit seinen Anwälten drohen.«

»Hat er das bei Ihnen auch getan?«

»Mehr oder weniger.«

»Passen Sie auf sich auf«, sagte er übertrieben heftig.

»Er könnte ein sehr hinterhältiger Kunde sein.«

»Das ist nur Theaterdonner. Er plustert sich auf. Meiner Erfahrung nach verbergen diese Leute etwas und suchen nach einem Fluchtweg.«

»Solange er nur seine außerehelichen Affären verbirgt, soll es mir egal sein. Danke, daß Sie’s herausgefunden haben – aber hätten Sie es mir nicht sagen und das Ausfragen mir überlassen können?«

»Ich wußte es bis heute nachmittag ja selbst nicht«, entgegnete Meredith pikiert.

»Zufällig hab ich zuerst seinen Wagen und dann ihn selbst in der High Street gesehen und hatte ganz einfach irgendwie das Gefühl … Ich hab’s aufs Geratewohl probiert, wenn Sie so wollen, und ich hatte recht. Außerdem hätten Sie gar nicht sehen können, was ich gesehen habe. Ihre Tante wohnt nicht Tür an Tür mit Rupert Greens Schwiegervater.«

»Ich verstehe gar nichts mehr.« Es folgte eine peinliche Pause, da beiden der Doppelsinn seiner Worte bewußt wurde. Er fing hastig von neuem an:

»Ich meine, ich …«

»Schon gut, Alan. Ich weiß, was Sie meinen.« Meredith legte auf. Markby legte ebenfalls auf, als das bekannte Summen ihm sagte, daß die Leitung unterbrochen war. Meredith dachte ganz offensichtlich, er habe sein Herz für Frances Needham-Burrell entdeckt. Ach was, zum Teufel! dachte er verärgert und griff nach einem Papierstapel in seinem Eingangskorb. Für ihre Gedanken war er nicht verantwortlich. Er würde nicht ins Rose Cottage stürzen, um sich zu rechtfertigen. Sie wollte keine engere Beziehung, fein. Dann würde es auch keine geben.

»Gehen Sie nach Hause«, sagte er mürrisch zu Pearce, der es wagte, den Kopf durch den Türspalt zu stecken.

»Ich mache Überstunden.«

»Der Alte ist schlecht drauf«, warnte Pearce unten im Hinausgehen. Der

»Alte«, dessen Laune nicht besser geworden wäre, hätte er das gehört, war entschlossen zu arbeiten, und das tat er auch konzentriert, nur mit zwei kurzen Kaffeepausen, bis spät abends. Daher war er auch noch im Polizeigebäude, als der Anruf über 110 hereinkam.

Für Simon Pardy war es schon ein Problem, daß man ihn ablehnte. Er war es natürlich gewohnt, aber es machte das Leben noch ein bißchen schwieriger, als es ohnehin war. Inzwischen hatte er in fast jeder Kneipe in Bamford Hausverbot. Simon war von Natur aus nicht gesellig, doch sogar er war überrascht, wie unangenehm die neuen Einschränkungen seines gesellschaftlichen Lebens für ihn waren.